Bei meinen Recherchen zu den Verteidigungseinrichtungen rund um den Tyne in Northumberland stieß ich auf ein zunächst merkwürdiges Geschütz aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Ballast Hill Gun.
Der Ballast Hill lag unmittelbar nördlich der Royal Quays
Marina in North Shields, also ungefähr 1,6km südwestlich von Cliffords Fort.
Warum sollte man so weit flussaufwärts ein einzelnes Geschütz positionieren?
Zuerst galt es zu klären, was es mit dem ungewöhnlichen
Namen „Ballast Hill“ auf sich hat, der sich heute noch im Straßennamen „Ballast
Hill Road“ wiederfindet.
Dazu muss man wissen, dass der Tyne im 19. Jahrhundert ein
äußerst geschäftiger Fluss war. Am Tyne wurden Schiffe und Waffen
gebaut, und von dort aus wurde die Kohle des Durham and Northumberland Coalfields
(„Great Northern Coalfield“) verschifft. Es herrschte also reger
Schiffsverkehr.
Die Kohleschiffe kamen leer in den Tyne gefahren, um dort
beladen zu werden. Um die Stabilität eines leeren Schiffs auf See zu
gewährleisten und ein Kentern zu verhindern, war es nötig, den Schwerpunkt
tiefer zu legen. Man bewerkstelligte das durch sogenannten Ballast; der Begriff
stammt aus dem späten 15 Jahrhundert.
Als Ballast genutzte Materialien waren zum Beispiel Sand,
Kies, Steine, Kalk, Abrisstrümmer, aber auch Industrieabfälle wie Ziegel, Schlacke
oder Dachschindeln. Diese Materialien wurden tief unten in den Schiffsbauch
geladen.
Wollte man das Schiff dann beladen, musste natürlich erst
der Ballast entladen werden. So entstanden große Halden, beispielsweise der Ballast
Hill von North Shields.
Die erste namentliche Erwähnung von Ballast Hill habe ich in
einer Karte von 1865 gefunden:
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die 1850 gegründete Tyne Improvement Commission (TIC) mit dem Ausbau der Hafenanlagen, wobei die Ballasthalden oft im Weg waren. Der Ballast Hill in North Shields wurde von der TIC abgetragen, um Platz für neue Eisenbahnanlagen und die Whitehill Point Staiths (Verladestationen für Kohle) zu schaffen. Das abgetragene Material wurde nicht einfach entsorgt, sondern von der TIC häufig zur Landgewinnung genutzt, um neue Kaianlagen und Industrieflächen direkt am Flussufer aufzuschütten.
Im Bodenrelief lässt sich der ehemalige Ballast Hill noch
gut erkennen, auch wenn er zu einem beträchtlichen Teil abgetragen wurde:
Heute ist das Gelände dicht bebaut.
Um eine Defensiveinrichtung hat es sich beim Ballast Hill
also nicht gehandelt. Was hat es aber dann mit der Kanone auf sich?
Auch die Antwort auf diese Frage liefert die Schiffahrt.
Wir sind es heute gewohnt, unsere Position dank GPS recht
einfach und jederzeit bestimmen zu können; jedes Smartphone kann das. In
früherer Zeit war die Positionsbestimmung erheblich aufwändiger.
Den Breitengrad bestimmte man ab dem 18. Jahrhundert mit
einem Sextanten. Man maß den Winkel (die Höhe) der Sonne am Mittag oder des
Polarsterns bei Nacht über dem Horizont und konnte den Breitengrad mit Hilfe
nautischer Tabellen ablesen.
Beim Längengrad war die Sache schwieriger. Um zu wissen, wie
weit man im Osten oder Westen ist, muss man die aktuelle Ortszeit auf dem
Schiff mit der Uhrzeit im Heimathafen vergleichen. Da die Erde sich dreht,
entspricht jede Stunde Zeitunterschied genau 15 Längengraden. Das Problem:
Normale Pendeluhren waren nicht genau genug und funktionierten auf schwankenden
Schiffen bei feuchtem Salzgewölk und extremen Temperaturschwankungen nicht: Sie
gingen sofort nach oder blieben stehen. Ohne eine exakte Uhr, die die
Heimatzeit fehlerfrei speicherte, waren Seefahrer auf dem offenen Meer
praktisch blind und verloren oft die Orientierung.
Abhilfe schafften erst ganggenaue Marinechronometer („Längenuhren“),
die auch mit den widrigen Bedingungen an Bord eines Schiffs zurecht kamen. Bis
zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren alle britischen Schiffe mit solchen
Längenuhren ausgestattet.
So genau diese Uhren waren, so hatten sie natürlich nicht
die Langzeit-Ganggenauigkeit einer modernen Quartzuhr. Sie mussten also hin und
wieder korrekt eingestellt werden. Die offizielle Referenzzeit wurde auf
verschiedenen Wegen übermittelt: Vor der Einführung von Zeitzeichensendern
Anfang des 20. Jahrhunderts bediente man sich optischer oder akustischer
Methoden, die das Überprüfen und ggf. das Neustellen der Schiffschronometer ermöglichten. Die Referenzzeit wurde telegrafisch vom Royal Observatory
Edinburgh übermittelt. Sogenannte Zeitbälle – erhöht angebrachte Signalbälle,
die zu einer bestimmten Uhrzeit fallen gelassen wurden - gaben ein optisches
Signal. Akustische Signale wurden gerne in Form von Kanonenschüssen
übermittelt. Jeder Edinburgh-Besucher kennt die One O'Clock Gun auf Edinburgh
Castle, die auch heute noch jeden Tag punkt 13 Uhr einen Schuss abgibt:
Und genau diese Funktion hatte die Ballast Hill Gun auch. Sie war vom 18. August 1863 bis zum 31. August 1905 in Betrieb. Es gibt sogar ein Schwarzweißfoto von ihr:
Es handelt sich um eine glattläufige 24-Pfünder Vorderladerkanone, vermutlich Blomefield Pattern. Das Foto ist leider wirklich schlecht; hier zum Vergleich eine Aufnahme einer Blomefield Kanone kleineren Kalibers (Fort George):
Die Position der Ballast Hill Gun habe ich auf einer Karte von 1896 gefunden:
Überträgt man diese Position auf ein modernes Luftbild, erkannt man, dass die Stelle heute überbaut ist:
Die GPS-Koordinaten sind ca. 54.997891, -1.449343.
Auf diesem aus Richtung Osten aufgenommenen Foto verbirgt sich die Bebauung und somit die Position der Kanone hinter dichtem Baumbewuchs:







































































