Dienstag, 7. April 2020

Das Ingolstädter Werk Nr. 139 / Lagerschanze 7


Mein heutiger Blogbeitrag muss leider ohne aktuelle Fotos auskommen, denn das Werk, über das ich berichte, existiert nicht mehr.
Es geht um das Ingolstädter Werk Nr. 139, auch Lagerschanze Nr. 7 genannt.
Viel ist es nicht, was ich über diese Anlage in Erfahrung bringen konnte, aber der unfassbare Umgang mit militärhistorischem Kulturgut, in dessen Ergebnis die Lagerschanze verschwand, ist es mir wert, hier auf sie einzugehen, damit sie nicht ganz in Vergessenheit gerät.

Mit dem Vorwerkegürtel der Festung Ingolstadt aus der Zeit des Deutschen Einigungskriegs hatte ich mich bereits im Dezember befasst und von meinem Besuch einer der wenigen verbliebenen Anlagen aus dieser Zeit berichtet, dem Werk Nr. 125 / Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt. Ich hatte damals auch schon kurz auf das Schicksal der Lagerschanze 7 hingewiesen.

Geschichte und baulich-technische Aspekte:
Die Lagerschanze 7 wurde wie die anderen Vorwerke auch im Jahr 1866 errichtet. Es handelte sich um eine Anlage in sogenannter „passagerer“ Ausführung, also um eine Feldfortifikation in Erdbauweise mit hölzernen Schutzräumen. Für die damalige Artillerie bot eine solche Konstruktion ausreichenden Schutz, allerdings entwickelte sich die Geschütztechnik gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so rasant weiter, dass die Vorwerke schnell unmodern und nutzlos wurden. In Konsequenz beschloss man den Bau eines äußeren Fortgürtels in einem größeren Radius um Ingolstadt herum; mit der Brisanzmunitionskrise um 1885 wurden aber auch diese Forts modernisierungsbedürftig.
Die reinen Erdwerke wurden mit Ausnahme der drei Außenforts des Vorwerkegürtels nicht weiter modernisiert, blieben aber zunächst erhalten.

Hier ein grober Plan der Lagerschanze 7, der keinen Anspruch auf Detailtreue erhebt, sondern nur eine Orientierung vermitteln soll, wie die Schanze einmal ausgesehen haben muss:


Sie war für 3 Geschütze konzipiert; bei dem großen schwarzen Rechteck in der Mitte handelt es sich um den hölzernen Schutzraum.

Das Schicksal der Schanze in der jüngeren Vergangenheit:
Die Lagerschanze 7 dürfte bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts unversehrt geblieben sein.
Bei meinen Recherchen bin ich auf die Behauptung gestoßen, der Kehlwall sei dem Bau der Autobahnauffahrt Ingolstadt Süd zum Opfer gefallen. Diese Aussage muss bezweifelt werden. Auf dieser Karte aus dem Jahr 1969 ist die Anschlussstelle Ingolstadt Süd noch nicht zu sehen; der Kehlwall der Lagerschanze 7 fehlt allerdings schon:


Der Abriss des Kehlwalls dürfte deutlich weiter zurück in der Vergangenheit stattgefunden haben, wie das nachfolgende Luftbild belegt, das ich kürzlich erwerben konnte. Es zeigt das Erdwerk im Jahr 1945; auch hier fehlt der Kehlwall bereits. Bemerkenswert ist der augenscheinlich gute Zustand der verbliebenen Wälle, die zwar von Vegetation bedeckt zu sein scheinen; die Infanterielinie und auch die Geschützrampen und -plattformen scheinen jedoch bewuchsfrei zu sein:


Ich vermute, dass der Kehlwall in den Jahren 1935 bis 1938 abgerissen wurde. In dieser Zeit wurde die A9 von Nürnberg nach München gebaut, und auch die auf dem Luftbild sichtbare Autobahnüberführung dürfte aus dieser Zeit stammen. Auf der Höhe der Lagerschanze zweigt von der die Autobahn überführenden Straße ein Weg ab, dem der Kehlwall offenbar zum Opfer fiel.

In diesem Zustand überlebte die Schanze auch die nächsten Jahrzehnte. Das folgende Reliefbild des bayerischen Geoportals dürfte aus der Zeit zwischen 1970 und 2014 stammen:


Ich hoffe, dass dieses Bild so schnell nicht aktualisiert wird; zur Sicherheit habe ich es mir als Bildschirm-Hardcopy abgespeichert. Veröffentlichen darf ich es leider nicht, sondern nur als iFrame einbetten.

Ab 2014 / 2015 ereilte die Anlage dann ihr Schicksal. Zuerst wurde ein Teil gerodet und eingeebnet, das sieht man auf dem folgenden Luftbild von Google Maps:


Es schloss sich ein Hin-und-her an zwischen dem Autohaus, das die Einebnungsarbeiten vorgenommen hatte, und der Stadt Ingolstadt. Der Donaukurier hat dem einige Beiträge gewidmet, aus denen sich jedoch nicht wirklich erschließt, welche Kommunikation wann zwischen beiden Parteien stattfand. Am Ende - 2016 - war die Schanze dann komplett verschwunden, allen Interventionsversuchen der Stadt zum Trotz. Das Luftbild des bayerischen Geoportals zeigt den traurigen Endzustand:


Ob das in der Presse angekündigte Bußgeld tatsächlich verhängt wurde, wage ich zu bezweifeln. Was zählt ein vandalisiertes Kulturgut gegenüber Gewerbesteuereinnahmen?
Als jemand, der sich seit fast 40 Jahren mit dem Festungsbau des 19. Jahrhunderts befasst, bin ich ob dieser Vorgänge zutiefst bekümmert. Welches Schicksal wird wohl den anderen klägliche Resten des mittleren und des äußeren Festungsrings noch blühen? Speziell die wenigen verbliebenen Erdwerke machen mir Sorge, da sie zu einem großen Teil in Privatbesitz sind. Eigentum scheint hier nicht zu verpflichten, wie das traurige Beispiel der Lagerschanze 7 eindrucksvoll zeigt. Ich kann nur hoffen, dass Ingolstadt in Zukunft stärker Position bezieht und Überwachungsmaßnahmen initiiert, um weitere Frevel dieser Art zu verhindern.

Sonntag, 29. März 2020

Das Fort IIIa bei Wettstetten

Die SARS-CoV-2-bedingte häusliche Absonderung hatte zwar zur Folge, dass die geplante Frühjahrsexkursion nach Antwerpen ausfallen musste, verschaffte mir allerdings genügend Muße, mich mal wieder der Festungsstadt vor meiner Haustür zu widmen: Ingolstadt.

Der heutige Blogbeitrag beschäftigt sich daher mit Fort IIIa bei Wettstetten, einem der beiden einzigen Ingolstädter Forts, die mit einer Panzerkuppel ausgerüstet waren.

Zur Lage: 
Zum Zeitpunkt seiner Erbauung befand sich das Fort ca. 950m südwestlich von Wettstetten. Die Ortserweiterung hat das Fort jedoch längst erreicht, und so ist das Kernwerk heute komplett von Wohnhäusern umgeben. Es liegt in einem Dreieck, das von der Josef-Fleischmann-Straße, der Max-Emanuel-Straße und der Straße „Am Fort“ gebildet wird; der einzige Zugang führt am Ende einer von der Max-Emanuel-Straße ausgehenden Stichstraße über die rechte Schulter ins Fort.

Zur baulich-technischen Ausführung:
Das relativ kleine Fort IIIa vervollständigte den nordwestlichen Abschnitt des vorgelagerten Festungsrings durch seine Position zwischen Fort III / von der Tann (Entfernung 2,90 km) und Fort V / Orff (Entfernung 2,04 km).
Es hatte einen fünfeckigen Grundriss und war ursprünglich in Ziegelmauerwerk mit Zementmörtel und Erdummantelung ausgeführt, umgeben von einem trockenen Graben.
Gegenüber den größeren Ingolstädter Forts wies es - genau wie Fort Va - einige konstruktive Besonderheiten auf:
- Die Kehlkaserne war nicht bastioniert und nur eingeschossig
- Der Kehlgraben wurde durch eine an die Kehlkaserne angebaute Kaponniere flankiert

Zur Flankierung des restlichen Grabens verfügte es über eine Saillant- und zwei Schulterkaponnieren.
Auf der Saillantkaponniere befand sich der manuell betriebene Gruson-Panzerdrehturm für zwei 15cm Ringkanonen (Nr. 17 oder 18) mit 4 Metern Durchmesser und 200 Tonnen Gewicht. 
Seine Versorgungsinfrastruktur bestand aus 4 Munitionsaufzügen, 2 Kartuschräumen, 2 Geschossräumen und einem Zündungsraum.

Schnittzeichnung eins Gruson-Panzerturms nach Herman Frobenius:

Schnittzeichnung eins Gruson-Panzerturms aus "Constructions-Details der Kriegsbaukunst", 1878:


Die beiden Geschossebenen der Saillantkaponniere von Fort IIIa:



Es gab außerdem 2 Pulvermagazine unter den Facen, 2 Geschossräume und einen Munitions-Arbeitsraum unter der rechten Face.

Im Hinblick auf spätere Ausführungen seien noch die 5 Hohlbauten / Hohltraversen auf dem Wall mit Wacht- und Bereitschaftsräumen erwähnt (im Werksplan die Nummern 36 bis 32 von links nach rechts). Nr. 35 über dem Kriegspulvermagazin, Nr. 34 über der Kaserne in der Spitze und Nr. 33 über dem Munitions-Arbeitsraum / Ladesystem.

Das Fort bot Unterkunft und Infrastruktur für eine Besatzung von 1 Kommandant, 50 Offiziere, 174 Mannschaften (Stand 1907).

Nachfolgend ein kurzer Abriss zur Historie von Fort IIIa:
November 1876:        Vorschlag zum Bau eines permanenten Zwischenwerks Nr. 3 auf dem Ochsenthomerberg mit 10 Geschützen und einem 
                                   Panzerdrehturm für zwei 15cm Ringkanonen auf der Saillantkaponniere
19.12.1878:                Genehmigung des Entwurfs durch das königlich-bayerische Kriegsministerium
06.03.1879:                Genehmigung des Vertrags zur Lieferung des Panzerdrehturms mit der Fabrik H. Gruson, Bruckau bei Magdeburg, durch das 
                                   königlich-bayerische Kriegsministerium. Mit der Lieferung der Minimalschartenlafetten C/72 wurde die Geschützgießerei 
                                   Spandau beauftragt.
15.08.1879:                Baubeginn
30.09.1882:                Abschluss der Bauarbeiten
19.10.1882:                Fertigstellung
30.10.1882:                Übergabe an das königlich-bayerische Festungs-Gouvernement
09.11.1882:                Umklassifizierung als „Fort IIIa“

Folgen der Brisanzmunitionskrise Mitte der 1880er Jahre:
03.04.1888 - 30.07.1889: Bau zweier permanenten Anschlussbatterien für je 4 Geschütze mit Munitions- und Untertreträumen
26.01.1889 - 25.01.1891: Verstärkung des Forts. Alle Hohlbauten mit Ausnahme des  Kriegspulvermagazins, der Saillant- sowie der beiden 
                                   Schulterkaponnieren wurden mit einer Zwischenschicht aus Granit-Zementbeton auf Sandpolster in einer Gesamtdicke bis zu 
                                   2,20m überdeckt. Das Konzept sah die Unterbringung der schweren Munition für die Anschlussbatterien in der Kehlkaserne, 
                                   der Munition für die Infanteriebesatzung im Saillantkasemattenkorps vor.
1890:                          Verbesserung der Sturmfreiheit durch Hindernisgitter auf der Kontereskarpe vor der Saillant- und den Schulterkaponnieren 
                                   und im Kehlgraben am Fuß der Kehlkontereskarpe
1893                           Einbau zweier Beobachtungsstände (splittersicherer Wachtturm 90 der Fa. Gruson) in den Schultern

Wachtturm 90 im Fort Prinz Karl:



01.07.1895 – 01.11.1895: Einbau von elektrischen und mechanischen Alarmierungseinrichtungen
1895/96:                     Umbau der Anschlussbatterien in eng traversierte Batterien (jedes einzelne Geschütz zwischen 2 Traversen)

Im ersten Weltkrieg diente das Fort als Kriegsgefangenenlager für Mannschaften und Offiziere, im zweiten Weltkrieg zur Herstellung und Lagerung von Muniton.
Im Frühjahr 1946 wurde das Fort durch US-Pioniere gesprengt. Im Anschluss wurde der Panzerturm verschrottet und das Fort als Steinbruch genutzt.

Mein bisher einziger Besuch des Forts IIIa fand im Juli 2004 statt. Da mir damals keine detaillierteren Informationen oder gar Pläne vorlagen und dichte Vegetation die Orientierung im Gelände extrem erschwerte, war nur eine kurze Stippvisite möglich. Hier ein paar Eindrücke: 

Die dicht bewachsene Werksoberfläche:


Hin und wieder ein paar Trümmerreste:


Ein Gewölberest:


Ansicht von innen. Standard-Ziegelsteine 29 x 14 x 7 cm ...


Ein größeres Beton-Trümmerstück:


Das nächste Foto dürfte einen Fenster- oder Türbogen mit vorspringendem Schlussstein zeigen:


Hier im Vergleich dazu eine ähnliche Struktur im Fort Bessoncourt bei Belfort:


Ein größeres Trümmerstück im Graben (wahrscheinlich im Saillantbereich):


Innenansicht:


Bevor ich nun wie angekündigt auf die Hohltraversen eingehe, ist es notwendig, sich mit der obligatorischen Reliefaufnahme des Forts zu befassen:


Da die Einbettung der Reliefkarte aktuell instabil ist, hier sicherheitshalber auch der direkte Link zur Seite.

Man kann deutlich das Ausmaß der Zerstörungen von 1945 erkennen, allerdings auch einige (halbwegs) intakt gebliebene Elemente. Dort, wo laut Werksplan die Hohltraversen 36, 33 und 32 (von links nach rechts) waren, sind deutlich rechteckige Strukturen zu sehen.

Hier ein vereinfachter Werksplan, in dem die sichtbaren rechteckigen Strukturen nummeriert sind:


1 = Traverse 36
2 = Traverse 33
3 = Traverse 32

Ein Bericht vom 14.04.1889 erwähnt, die Hohltraversen auf Flanken und Facen seien durch Splitterwehren ersetzt worden; das Reliefbild deutet allerdings eher darauf hin, dass sie verstärkt und die Infanteriefeuerlinie um sie herumgeführt wurde. Das folgende Luftbild von Google Maps scheint an der Stelle der Traverse 32 auf eine bauliche Struktur hinzuweisen:


Die Traverse über der Saillantkaserne (Nr. 34) wurde ziemlich sicher vergrößert und verstärkt, ist aber komplett zerstört. Auch von der Hohltraverse 35 (links daneben) ist nichts mehr übrig.

Aus all dem ergibt sich ein Erkundungsbedarf für eine weitere Exkursion zum Fort IIIa. Zunächst wäre die Frage zu klären, ob die Hohltraversen 36 und 32 verstärkt wurden oder tatsächlich abgerissen und durch Splitterschutzbänke ersetzt wurden. 

Hier die Grundrisse der ursprünglichen Hohltraversen:



Das Gebilde an der Stelle der Hohltraverse 33 ist zwar im Relief an einer Ecke zerstört, aber trotzdem erheblich interessanter, weil sich darunter das Ladesystem des Forts befand, das über eine Treppe mit der Traverse in Verbindung stand:


Sollte die Hohltraverse wirklich noch signifikant erhalten sein, wäre es durchaus möglich, dass auch vom Ladesystem zumindest noch Teile erhalten sind. Ich glaube zwar nicht, dass dieser Bereich zugänglich ist, würde mir das aber gerne vor Ort näher ansehen.

Letzter Agendapunkt für eine kommende Exkursion zum Fort IIIa: Beide Anschlussbatterien sind zwar überbaut, es fällt allerdings auf, dass das Areal, wo der Untertretraum der rechten Anschlussbatterie gewesen sein muss, nicht bebaut ist. Es wäre zu prüfen, ob sich dort noch erkennbare Reste finden.

Jetzt müsste nur noch das Corona-Virus besiegt werden ...

Sonntag, 23. Februar 2020

Fotoinventar Fort de Tavannes


Vorgestern habe ich auf eBay Luftbild Nr. 48 und Nr. 49 des Forts de Tavannes ersteigert, beide aus der Zeit vor der Schlacht von Verdun. Mein Fundus umfasst damit 3 Aufnahmen von vor dem 21.02.1916, 27 Aufnahmen von während der Schlacht von Verdun (21.02.16 – 19.12.16), 7 Aufnahmen von 1917 / 1918 und 12 Aufnahmen unbekannten Datums. Letztere hoffe ich durch Vergleiche mit den datierten Aufnahmen chronologisch wenigstens grob einordnen zu können, dazu bin ich noch nicht gekommen. Mindestens zwei der Aufnahmen unbekannten Datums dürften ziemlich sicher aus der Zeit von vor dem 21.02.16 stammen.

Außer den Luftbildern sind mittlerweile 19 Fotos vom Fortinneren aus der Zeit des 1. Weltkriegs zusammengekommen sowie 36 Postkarten, die das Fort zeigen. Es sind einige Doubletten darunter, die ich noch aussortieren muss.
Ein besonderes Foto stammt aus der Zeit des 2. Weltkriegs und zeigt eine Gruppe Wehrmachtssoldaten beim Verlassen des Forts.

Alle bisher geschilderten Aufnahmen sind Papierabzüge; es kommen noch 20 Stereoskopien auf Glas dazu.

Zur Umgebung des Forts habe ich bisher:
4 Luftbilder
10 Fotos
20 Postkarten (auch hier Doubletten inklusive)
10 Glas-Stereoskopien

Ich werde nur in Ausnahmefällen etwas aus diesem Fundus hier veröffentlichen. Einerseits habe ich in der Vergangenheit schon genug Scherereien mit Seiten gehabt, die sich frech meiner Abbildungen bedient haben, ohne zumindest auf meine Seite zu referenzieren. Andererseits ist mein Plan, ein Buch über das Fort de Tavannes zu veröffentlichen, noch nicht vom Tisch, auch wenn das ziemlich wahrscheinlich erst nach meiner Verrentung passieren wird. Ich habe vor, viele der beschriebenen Fotos in das Buch aufzunehmen.




Montag, 23. Dezember 2019

Das Werk Nr. 234 des Festungsgürtels Ingolstadt (Zwischenwerk Nr. 6 "Station Manching")

Das letzte Ziel meines Ingolstadt-Besuchs im Dezember 2019 war das Werk 234 des äußeren Fortgürtels, auch Zwischenwerk Nr. 6 „Station Manching“ genannt. Auch dieses Werk wurde nach Ende des zweiten Weltkriegs von den Amerikanern gesprengt.

Die Bodenrelief-Darstellung des Bayerischen Geoportals zeigt das Ausmaß der Zerstörungen und lässt gleichzeitig auf ein Gewirr von sichtbaren Resten schließen:


Viele Informationen über das Werk konnte ich bei meinen Vorbereitungen nicht finden, lediglich den Erbauungszeitraum 1895 – 1897 und einen Hinweis darauf, dass nur die Kehlkaserne gebaut und der Rest nie fertiggestellt wurde.

Der Werksplan sieht daher ein wenig wie ein besonders groß geratener Untertretraum aus:


Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie es fertig ausgebaut hätte aussehen können, bietet sich ein Vergleich mit dem ungefähr genauso großen Werk Nr. 192 (Zwischenwerk Nr. 9 „Rosenschwaig“) an:


Gegenüber Rosenschwaig ist die Kehlkaserne kleiner; was komplett fehlt, ist die Wall-Infrastruktur (Geschützbettungen, Schutzräume etc.).

Und so sieht die Kehlkaserne heute aus – ein Trümmerhaufen. Wüsste man nicht, dass das Werk erst vor 74 Jahren gesprengt wurde, könnte man meinen, sich an der ehemaligen Westfront des ersten Weltkriegs zu befinden:




An manchen Stellen gibt es Anzeichen für Hohlräume:


Am eindrucksvollsten ist sicher die Nordwestecke, wo ein Teil der Ziegelfassade die Sprengung überstanden hat; dahinter ist das Kopfende eines Gangs mit Ziegelgewölbe zu sehen:







Ein kleines Detail der Reliefkarte wird Gegenstand eines weiteren Besuchs sein: An der Südwestecke des nassen Grabens ist eine von einem Graben umgebene „Ausstülpung“ zu sehen, die auch im Werksplan erkennbar ist. Da ich keinen Ausschnitt der Reliefkarte mit entsprechender Markierung einstellen darf, habe ich die markantesten Strukturen in eine Skizze übertragen:


Das Zwischenwerk Rosenschwaig hat an dieser Stelle eine Anschlussbatterie, aber dafür ist die Ausstülpung zu klein. Im französischen Fort de Jouy-sous-les-Côtes nordwestlich von Toul gibt es eine ähnliche Struktur, ebenfalls jenseits des Grabens gelegen, bei der es sich um ein vorgelagertes Infanteriewerk handelt. Um dort hin zu gelangen, musste man das Fort durch eine Ausfallpforte neben der Nordcaponnière verlassen, den trockenen Graben durchqueren und eine Treppe an der Gegenböschung hochsteigen. Übertragen auf das Zwischenwerk Nr. 6 würde man vermutlich eine Brücke über den nassen Graben erwarten. In der Skizze habe ich eine weitere auffällige Stelle markiert; es wird zu prüfen sein, ob dort ebenfalls eine Ausfallpforte vorgesehen war.

Samstag, 21. Dezember 2019

Das Werk Nr. 99 des Festungsgürtels Ingolstadt (Pulvermagazin Minucci)


Um wenigstens einen vagen Eindruck davon zu bekommen, wie die Kreuzblockhäuser der Festung Ingolstadt ausgesehen haben, bietet sich ein Besuch des ehemaligen Werks Nr. 99 (Pulvermagazin Minucci) im Nordosten Ingolstadts an.
Das Werk ist älter als das Friedenspulvermagazin Obehaunstadt; es wurde bereits 1835 – 1837 zusammen mit dem Werk 101 (Pulvermagazin Habermann) im Nordwesten als eins der ersten Vorwerke errichtet.
Den Erdwall erhielt das Kreuzblockhaus erst 1867.

Der nachfolgende Plan soll erhebt keinen Anspruch auf 100%ige Korrektheit, dürfte aber zumindest das Prinzip einigermaßen zutreffend verdeutlichen:


Seit der Errichtung des äußeren Festungsgürtels nach dem Krieg von 1870/71 wurde Minucci nicht mehr militärisch genutzt, und gegen Ende der 1960er Jahre musste es größtenteils einem Wohngebiet weichen. Ungefähr zwei Drittel des Kreuzblockhauses wurden abgerissen, der Erdwall eingeebnet.
Das Ergebnis ist ein trauriger Rest:


Hier eine Projektion des Werks auf das heutige Stadtbild (Quelle: Google Maps):


Der Rest des Kreuzblockhauses:




Das Innere ist leider nicht zugänglich.

Auf der Seite des Fördervereins Bayerisch Landesfestung Ingolstadt gibt es ein Bild des verschwundenen Kreuzblockhauses Habermann, das einen guten Eindruck davon vermittelt, wie auch Minucci einmal ausgesehen haben muss. Auf das Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt lässt sich dieser Anblick nur begrenzt übertragen, da das dortige Kreuzblockhaus deutlich kleiner war und die Gebäudeflügel nicht halbrund ausgeführt waren, sondern rechteckig.

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Das Werk Nr. 125 des Festungsgürtels Ingolstadt (Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt)

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Pläne, die Festung Ingolstadt durch vorgelagerte Werke zu schützen; es wurden aber zunächst nur zwei davon realisiert.

Erst 1866 führte der Deutsche Einigungskrieg dazu, dass ein Gürtel aus Vorwerken mit einem Durchmesser von durchschnittlich 5 km um die Stadt herum errichtet wurde. Diese Vorwerke waren von sehr einfacher Natur; sie bestanden aus Erdwällen mit hölzernen Schutzräumen. Auch die drei später permanent befestigten Außenforts waren zunächst nur als Erdwerke ausgeführt.

Der Vorwerkegürtel mit insgesamt 23 Werken wurde 1867 fertiggestellt. Der Ausbau der drei genannten Außenforts (Haslang, Max Emanuel, Wrede) zu permanenten Anlagen fand zwischen 1868 und 1872 statt; die restlichen Erdwerke wurden nie modernisiert, obwohl sie bis zum zweiten Weltkrieg in militärischem Besitz blieben.

Beschäftigt man sich heute mit dem Vorwerkegürtel, stellt man schnell fest, dass kaum eine der Anlagen die 150 Jahre seit ihrer Errichtung überlebt hat. Hier ein kurzes Resümee:


Nur 2 Werke sind einigermaßen gut erhalten, 6 nur noch teilweise und von den restlichen 15 ist nichts mehr zu sehen. Etliche der überwiegend oder teilweise erhaltenen Werke sind in Privatbesitz und können nicht besichtigt werden.

Das ist eine extrem traurige Bilanz, vor allem wenn man weiß, dass auch das Schicksal der noch vorhanden Überreste trotz ihres Status als Bodendenkmal höchst ungewiss ist. So wurde erst vor kurzem die Lagerschanze 7 / Werk Nr. 139 ungeachtet der Intervention der Stadt Ingolstadt eingeebnet, um Parkplätze für ein Autohaus zu schaffen; Näheres dazu findet sich in diesem Artikel im Donaukurier.

Glücklicherweise hatte ich vor ein paar Tagen Gelegenheit, mal wieder ein paar Stunden in Ingolstadt verbringen zu können; dafür hatte ich mir den Besuch des Vorwerkegürtels auf die Agenda geschrieben, solange es dort noch etwas zu sehen gibt.

Analog meines Besuchs in Germersheim nutzte ich auch diesmal Reliefkarten zur Ermittlung lohnenswerter Ziele. Der Bayern-Atlas / Geoportal Bayern stellt ein entsprechendes Tool zur Verfügung; im Gegensatz zum Geoportal Baden-Württemberg ist es allerdings untersagt, Reliefkartenausschnitte als Bild zu veröffentlichen – man darf sie nur als iFrame einbetten (ein triftiger Grund dafür erschließt sich mir ehrlichgesagt nicht).

Von den teilweise erhaltenen Ingolstädter Vorwerken weckte vor allem das sogenannte Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt mein Interesse; der Reliefkartenausschnitt zeigt warum:


Diese Anlage, auch „Nebenwerk C“ genannt, liegt westlich der Beilngrieser Straße auf der Höhe von Unterhaunstadt in einem kleinen Wäldchen. Sie war für 250 Mann Besatzung und 3 Geschütze vorgesehen. Ursprünglich verfügte sie über ein Kreuzblockhaus, das heute nicht mehr existiert und über dessen Beschaffenheit bzw. Ausführung ich keine Informationen finden konnte – doch dazu später mehr.

Der nachfolgende Plan zeigt den ungefähren ursprünglichen Zustand des Werks. Er ist sicher in vielen Punkten ungenau, hilft aber bei der Orientierung; ich hoffe, eines Tages auf einen besseren und detaillierteren Plan zu stoßen.


Bemerkenswerterweise ist die Umwallung mit allen Geschützbänken und Rampen noch fast vollständig vorhanden. Lediglich die beiden südlichen Wallabschnitte links und rechts des ehemaligen Kreuzblockhauses sind der Länge nach zu ca. einem Drittel abgetragen, was man vom Werksinneren aus aber nicht bemerkt.

Leider macht es der dichte Baumbewuchs selbst im Winter unmöglich, den Gesamteindruck der Anlage fotografisch einigermaßen angemessen darzustellen. Erschwerend kommt dazu, dass die Laubschicht viele Befunde, die man vor Ort problemlos machen kann, auf Fotos maskiert. Ich habe ungefähr 200 Aufnahmen in den verschiedensten Kameraeinstellungen gemacht, aber kaum eine ist wirklich ausdrucksvoll geworden. Im Folgenden finden Sie daher jeweils 2 Versionen des gleichen Motivs: Einmal die Aufnahme im Originalzustand, danach in einer bearbeiteten Version, in der die relevanten Strukturen durch blaue Linien hervorgehoben sind.

Die erste Aufnahme zeigt die nördliche und die nordwestliche Geschützrampe; sie wurde vom nordöstlichen Wallabschnitt aus gemacht:



Als nächstes die nordwestliche Geschützplattform mit Rampe:




Und schließlich die Infanterielinie des westlichen Wallabschnitts in Richtung Süden. Auch hier gibt es eine kleine Rampe, die offenbar als Aufstieg für die Soldaten diente. In natura sieht man sie deutlich; auf den Fotos ist sie leider kaum zu erkennen:




Als ganz besonders spannend entpuppte sich die Suche nach Resten des ehemaligen Kreuzblockhauses. Im Relief (siehe oben) erkennt man deutlich eine rechteckige Struktur, die ziemlich sicher vom Nordflügel des Kreuzblockhauses stammt (siehe Plan). Diese Struktur findet man problemlos auch vor Ort; es handelt sich um einen U-förmigen Graben von ca. 30 – 40 cm Tiefe.
Nachfolgend zuerst die nordöstliche Grabenecke (Blick nach Süden):



Und hier die nordwestliche Grabenecke (Blick nach Westen):



Auch wenn es sich hierbei mit ziemlicher Sicherheit um eine mit dem Kreuzblockhaus assoziierte Struktur handelt, ist der Befund alles andere als klar: Ich hätte allenfalls Fundamentreste erwartet, aber ein Graben? Könnte es sich bei dem Blockhaus etwa um ein Holzgebäude gehandelt haben?
An einigen Stellen habe ich das Laub auf der Grabeninnenseite und in dem vom Graben umschlossenen Areal entfernt und bin dabei durchweg auf Trümmer von Ziegeln und behauenen Steinen gestoßen. An anderen Stellen fanden sich auch komplette Ziegel und behauene Steine:



Das Kreuzblockhaus scheint also doch ein steinernes Gebäude gewesen zu sein. Ob es schon 1866 in Stein errichtet wurde oder nach 1868, ist allerdings unklar, ebenso, wann und warum es abgerissen wurde. Der Hinweis, es sei „spurlos verschwunden“, den man im Internet hin und wieder findet, stimmt jedenfalls zum Glück nicht – es gibt immerhin deutlich mehr Spuren als z.B. beim Vorwerk Treuberg in Germersheim.

Hier nun ein Versuch, den Werksplan mit den vor Ort gemachten Befunden zu aktualisieren. Legende: rot = nicht mehr vorhanden, blau = Bodenstrukturen (Gräben oder Erhöhungen) sichtbar



Alles in allem ist das Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt alleine durch seinen hervorragenden Erhaltungszustand ein hochinteressantes Werk. In einer Zeit, wo nur noch wenige der Ingolstädter Vorwerke übrig sind und selbst das Schicksal dieser paar wenigen höchst unsicher ist (siehe Werk 139), hätte es ein solches Juwel verdient, hergerichtet und unterhalten statt vernachlässigt und sich selbst überlassen zu werden.