Freitag, 1. Juli 2022

Loch Ewe, Teil 3: Westufer und Gruinard Bay

Ein Hinweis vorab: Gruinard Bay hätte eigentlich zum Beitrag über das Ostufer von Loch Ewe gehört. Da wir dort keine Anlagen des 2. Weltkriegs besucht haben, wollte ich die Gegend zuerst nicht beschreiben. Spätestens Gruinard Island sollte aber nicht unerwähnt bleiben, wenn es um die Geschehnisse rund um Loch Ewe im 2. Weltkrieg geht.

Doch zunächst wieder die obligatorische Karte der heutigen Ziele:

(© Open Street Maps Mitwirkende)

Legende:

1 – Leichte Flugabwehrstellung
2 – Stauwehr mit Pumpstation
3 – Schwere Flugabwehrbatterie Inverasdale
4 – Schwere Flugabwehrbatterie & Boom Depot Firemore
5 – Küstenbatterie (Cove Battery) auf Rubha nan Sasan
6 – Checkpoint Laide
7 – Beobachtungsstation Meall nam Meallan
8 – Beobachtungsstation Opinan Beach
9 – Gruinard Island

Startpunkt ist auch diesmal wieder Poolewe im Süden von Loch Ewe. Verlässt man am Dorfladen die A832 und biegt, von Gairloch kommen, links auf die B8057 ab, passiert man nach ca. 200 Metern das Poolewe Hotel, in dem im Krieg eine Einheit des Armee-Nachrichtendienstes untergebracht war. Hat man den Ort Boor hinter sich gelassen, fällt rechterhand ein Betonblock auf: Das ist eine leichte Flugabwehrstellung für ein 40mm Bofors Geschütz. Diese Blöcke findet man häufig rund um Loch Ewe, aber dieser hier ist besonders einfach zu erreichen. Der Block ist etwas über mannshoch und von oben gesehen mehreckig; sein Spitzname „Threepenny Bit“ rührt von der Ähnlichkeit dieser Form mit der alten britischen Münze gleichen Namens her. Es handelt sich nicht um einen Bunker, sondern nur um eine künstliche Erhöhung, auf der sich das Geschütz befand. Neben dem Betonblock erkennt man ein Betonfundament, auf dem vermutlich ursprünglich ein Unterkunftsgebäude stand. 

Gesamtensemble:

Nahaufnahme des Threepenny Bits:

Oberseite des Threepenny Bits:

Betonfundament:

Leichte Flugabwehrstellungen wurden bereits 1939 am Loch Ewe errichtet; sie hatten temporären Charakter und wurden im weiteren Verlauf des Krieges durch die schweren Flugabwehrbatterien ersetzt.

Weiter geht es durch den Ort Naast hindurch. Am Ende des Ortes führt die Straße über einen kleinen Bach, den Allt Donn. Links neben der Straße fällt ein kleines Stauwehr im Bachlauf auf, rechts der Straße zwei Ziegelsteingebäude. Es handelt sich um eine Pumpstation, mit der die ankernden Schiffe mit Wasser versorgt wurden. Irgendwo im Wäldchen auf der rechten Straßenseite soll es angeblich noch die Reste eines Tanks geben, wir haben aber nicht danach gesucht.

Stauwehr:

Auch die schwere Flugabwehrbatterie von Inverasdale haben wir ausgelassen.

Wir haben uns stattdessen die schwere Flugabwehrbatterie auf der Landzunge, die den Firemore Beach im Südosten abgrenzt, angesehen. Sie hat eine architektonische Besonderheit: Beim Bau der Betonelemente wurde eine Technik eingesetzt, die im Englischen „wet cement bag method“ heißt: Ungeöffnete feuchte Zementsäcke wurden gestapelt und dann trocknen gelassen, wodurch charakteristische Abdrücke in der Außenwand entstanden. Wo nötig, wurden Betonverschalungen verwendet. Angeblich befand sich ca. 100 Meter östlich ein Feuerleitradar (GL MK IA Radar), dessen Plattform noch sichtbar ist. Da die Batterie aber augenscheinlich in Privatbesitz ist und als Lager für alles Mögliche verwendet wird, nahm ich von detaillierteren Erkundungen Abstand.

Feuerleitstand:

Geschützstellung (nach der "wet cement bag method" erbaut):

Detail des Zementsackmusters in der Außenwand:

Eine andere Geschützstellung:

Würde man der Straße zur Batterie weiter folgen, käme man zu den Resten des Firemore Boom Depots, wo analog dem in Mellon Charles Anti-U-Boot-Netze und Zubehör gelagert wurden. Die Luftbilder ließen allerdings darauf schließen, dass dort keine nennenswerten Strukturen mehr erhalten sind, die einen Besuch lohnen würden. 

Hauptziel unserer Westufer-Exkursion war das Kap Rubha nan Sasan, wo sich die einzige Küstenbatterie von Loch Ewe befindet. 

Sie wurde 1941 eingerichtet; ihre Hauptbewaffnung bestand aus zwei 6-inch Mk VII Schiffsgeschützen, die von der HMS Iron Duke geborgen worden waren, die 1939 bei Scapa Flow bombardiert und dadurch schwer beschädigt wurde. Die Elemente der Batterie sind großräumig über das Kap verteilt, das durch den schmalen Meeresarm Geodh‘ Mòr in ein höhergelegenes nördliches Plateau und einen tieferliegenden südlichen Teil geteilt wird.

Auf dem Plateau liegen die Geschützbunker (1) mit Beobachter (2), Generatorengebäuden (4), Magazinen (5) und dem nördlichen Suchscheinwerfergebäude (3). Mitten in diesem Ensemble hat man den Convoybesatzungen, die damals ihr Leben ließen, einen Gedenkstein gesetzt.

Südlicher Geschützbunker:

Nördlicher Geschützbunker:

Nördlicher Geschützbunker mit Generatorengebäude und Magazin (im Vordergrund):

Das nördliche Plateau, vom südlichen Teil der Batterie aus gesehen:

Südlicher Geschützbunker und Beobachter:

Nochmal der Beobachter. Die Substanz ist offenbar so geschwächt, dass Abstützmaßnahmen getroffen wurden:

Gedenkstein für die Convoybesatzungen:

Beobachter und Magazinbunker, vom südlichen Teil der Batterie aus gesehen:

Auf dem südlichen Teil befinden sich zwei Generatorengebäude (4) und das südliche Suchscheinwerfergebäude (3). 

Generatorengebäude von außen und innen:


Suchscheinwerfergebäude von außen und innen:


Das gesamte Batteriegelände ist außerdem durchsetzt mit Betonfundamenten, deren ursprünglicher Zweck heute kaum noch nachvollziehbar ist:

Die noch vorhandenen Gebäude des südlichen Teils der Batterie sind zwar alle mit „Betreten verboten“ Schildern gekennzeichnet, das Gelände kann aber durch ein Viehgatter betreten werden. Reste technischer Einrichtungen gibt es in den Gebäuden nicht; ein Besuch lohnt sich entsprechend nicht wirklich.

Anders auf dem nördlichen Plateau. Zusätzlich zu den „Betreten verboten“ Schildern ist der Zugang zu den Gebäuden auch durch Stacheldraht versperrt. Schade, ich hätte mir gerne die Geschützbunker näher angesehen.

Nun zur Gruinard Bucht. Um sie zu erreichen, fährt man am Ostufer des Loch Ewe von Aultbea aus auf der A832 in Richtung Laide. Dass der heutige Dorfladen von Laide mit Post- und Tankstelle im 2. Weltkrieg ein Checkpoint war, hatte ich schon erwähnt. An dieser Stelle gabelt sich die Straße. Folgt man der nach links führenden Abzweigung, erreicht man nach ungefähr 5 Kilometern den Weiler Mellon Udrigle. Auf der östlich gelegenen Anhöhe Meall nam Meallan, der höchsten Erhebung der Halbinsel, befand sich im Krieg ein Beobachtungsposten. Man hatte von dort aus den Einlass von Loch Ewe im Blick und hielt Ausschau nach feindlichen Flugzeugen, Schiffen oder U-Booten. Der Posten bestand aus einem hölzernen Gebäude auf einem Betonfundament, das mit starken Seilen gesichert wurde, damit es die starken Winde nicht zerstören konnten. Es bestand eine Telefonverbindung nach Mellon Charles, wo alle Sichtungen der Beobachtungsposten zentral gesammelt und ausgewertet wurden.

Biegt man in Mellon Udrigle in Richtung Opinan ab, erreicht man einen zweiten Beobachtungsposten, der ähnlich konstruiert gewesen sein muss. Auf der Seite von J.M. Briscoe gibt es eine Reihe von Fotos, die den heutigen Zustand zeigen.

Zurück nach Laide. Folgt man der A832 weiter in östlicher Richtung, bieten sich herrliche Ausblicke auf die Gruinard Bay; man erkennt mitten in der Bucht eine größere Insel. Das ist Gruinard Island, der im 2. Weltkrieg eine traurige Rolle zukam.

Gruinard Island (gelber Pfeil), von Gruinard Beach aus gesehen:

1942 beschloss das britische Verteidigungsministerium, auf dieser abgelegenen und unbewohnten Insel Tierversuche mit Milzbranderregern (Anthrax) durchzuführen. Man erstand die Insel für gerade einmal 500 Pfund.

Es sollte untersucht werden, ob Anthrax-Sporen, durch eine Explosion ausgebracht, als biologische Waffe geeignet wären. Zu diesem Zweck wurden Schafe auf die Insel gebracht; an einem Tag, als der Wind günstig stand (also von Land blies), zündete man eine Ladung von 30 Pfund Sprengstoff, wodurch die Sporen verteilt wurden. Binnen Tagen waren fast alle Schafe gestorben; die Kadaver wurden verbrannt. Die wenigen überlebenden Schafe wurden ebenfalls getötet und eine Klippe hinuntergeworfen, die anschließend gesprengt wurde, wodurch die Kadaver unter Tonnen von Gestein begraben wurden. Die Bevölkerung auf dem Festland wurde über die Vorgänge auf der Insel völlig im Unklaren gelassen. Man erzählt allerdings, ein totes Schaf sei bei Mellon Udrigle angeschwemmt worden und habe einige Schafe, Kühe und zwei Pferde angesteckt, die alle starben. Angeblich hat man das Schaf am Strand vergraben; wenn das stimmt, liegen seine Reste heute immer noch dort.

Ein zweiter Versuch bestand darin, dass ein Wellington Bomber eine Anthrax-Bombe über Gruinard Island abwarf. 

Im Anschluss stellte das Verteidigungsministerium die Anthrax-Tests auf Gruinard Island wieder ein, weil die Insel zu klein und nicht abgelegen genug war. Die Ergebnisse der Tests waren äußerst schockierend; sie zeigten, dass eine bakteriologische Waffe erheblich tödlicher war als jede chemische oder konventionelle Waffe. Nach dem Krieg blieb Gruinard Island viele Jahre gesperrt; regelmäßig setzten Wissenschaftler in Schutzanzügen über, um die Anthrax-Belastung zu bestimmen. 1971 war der Boden bis in 15 Zentimeter Tiefe mit Sporen kontaminiert!

Erst 1987 investierte das Verteidigungsministerium eine halbe Million Pfund, um die Insel zu dekontaminieren. Zuerst wurde mit einem Herbizid die gesamte Vegetation abgetötet und anschließend verbrannt. Der Erdboden um die Explosionsstellen wurde abgetragen, die gesamte Insel wurde mit einer Mischung aus 280 Tonnen Formaldehyd und 2000 Tonnen Meerwasser getränkt. Auf jedem Quadratmeter der Insel wurden 50 Liter dieser Lösung ausgebracht! In den darauffolgenden Jahren untersuchte man den Boden regelmäßig, und 1990 wurde die Insel endlich wieder freigegeben. Mittlerweile gibt es dort nicht nur wieder Schafe - auch die Kaninchen vermehren sich rasant.

Wen die Geschichte von Loch Ewe im 2. Weltkrieg interessiert, dem empfehle ich außer den beschriebenen Zielen unbedingt den Besuch der beiden ansässigen Museen:

1) Das Gairloch Museum. Der heutige Museumsbau ist ein ehemaliger atombombensicherer Bunker aus dem kalten Krieg, der als „Anti-Aircraft Operations Room (AAOR)“ diente, also zur Koordination der Luftabwehr im Verteidigungsabschnitt Loch Ewe. 

Modell des AAOR im Gairloch Museum:

Das Museum hat eine beeindruckende Sammlung von Exponaten aus allen Phasen der Geschichte der Region; ein Teil der Ausstellung widmet sich natürlich auch der jüngeren Militärgeschichte. Erwähnt werden muss außerdem das im Museum befindliche Café „Am Bàrd“, das einen sensationell guten Cappuccino und leckere Backwaren zu bieten hat.

Internet-Auftritt des Museums: https://www.gairlochmuseum.org

2) Das Russian Arctic Convoy Museum in Aultbea. Wie es der Name schon andeutet, befasst sich dieses Museum ausschließlich mit der Rolle von Loch Ewe als Stützpunkt für die Arctic Convoys im 2. Weltkrieg. Die Sammlung besticht vor allem durch die Vielzahl von Zeitzeugendokumenten und gibt dadurch Einblicke in den damaligen Alltag von Bevölkerung und Militär.

Internet-Auftritt des Museums: https://racmp.co.uk

Hier nun wie angekündigt eine kleine Aufstellung von GPS-Daten der wichtigsten Objekte rund um Loch Ewe:

Ort

GPS-Koordinaten

Objekt

Aultbea

 

57°50'17.8"N 5°35'37.1"W

Pier (HMS Helicon)

57°50'29.3"N 5°35'48.7"W

Kino (heute Village Hall)

57°50'33.6"N 5°35'59.7"W

Schwere Flugabwehrstellung

Firemore

57°49'42.0''N 5°40'26.6''W

Schwere Flugabwehrbatterie

Gairloch

57°43'00.9"N 5°41'04.4"W

Kantine (heute Golfclub)

57°43'20.6"N 5°41'12.8"W

Hospital (heute Gairloch Hotel)

57°43'40.2"N 5°41'25.1"W

Security Gate (heute ein Supermarkt)

Gruinard Bay

57°53'24.9"N 5°28'16.5"W

Gruinard Island

Inverasdale

57°48'45.0''N 5°40'29.2''W

Schwere Flugabwehrbatterie

Laide

57°51'54.7"N 5°32'30.3"W

Security Gate (heute Laide Stores)

Leacan Donna

57°51'59.8"N 5°38'44.9"W

Signal Station Control

Mellon Charles

57°51'23.3"N 5°38'27.5"W

Schwere Flugabwerbatterie Rubh a Choin

57°51'27.0"N 5°38'03.4"W

Boom Depot

Mellon Udrigle

57°53'39.5"N 5°33'29.2"W

Meall nam Meallan (Lookout Station)

Naast

57°47'14.7"N 5°39'24.6"W

Stauwehr (Wasserversorgung)

Opinan

57°54'48.4"N 5°34'56.3"W

RAF Lookout Station

Rubha nan Sasan

57°51'53.9"N 5°41'07.6"W

Cove Battery

Tournaig

57°47'35.7"N 5°34'34.8"W

Schwere Flugabwehrbatterie

57°47'40.6"N 5°34'42.6"W

Barrage Balloon Base (Tournaig Farm)

Zwischen Boor und Naast

57°46'40.0"N 5°38'15.0"W

Leichte Flugabwehrstellung 
("Three Penny Bit ")

Der 4. und möglicherweise sogar auch noch ein 5. Teil der Blog-Serie über Loch Ewe wird sich wie angekündigt mit den dortigen Einrichtungen des 1. Weltkriegs befassen. Hier ist allerdings noch ein wenig Archivarbeit notwendig – es kann also dauern, und ich bitte um Geduld.

Link-Übersicht zu allen Berichten über Loch Ewe:

Teaser

Teil 1 

Teil 2

Teil 3

Teil 4 (Stand 02.07.22: noch nicht veröffentlicht)


Samstag, 25. Juni 2022

Loch Ewe, zweiter Teil: Das Ostufer

Zu Beginn dieses Berichts eine Karte der Gegend um Loch Ewe:

(© Open Street Maps Mitwirkende)

Legende:

1 - Poolewe
2 - Halbinsel mit diversen Relikten
3 - Tournaig Farm
4 - CASS (Convoy Anchorage Signal Station)
5 - Aussichtspunkt
6 - Aultbea
7 - Mellon Charles
8 - Rubh' a' Choin
9 - Leacan Donna

Von Gairloch kommend stößt man in Poolewe (1) erstmals auf Loch Ewe. Erwähnenswert: Das Poolewe Hotel, in dem eine Einheit des Armee-Nachrichtendienstes untergebracht war, und das Pool House Hotel, im Krieg eine Offiziersunterkunft. Prinzipiell lässt sich auch die Halbinsel hinter dem Inverewe Garden (2) nach Resten von Einrichtungen aus dem Krieg erkunden, das haben wir aber nicht getan. Es gibt dort wohl Überreste eines Camps sowie Verankerungspunkte für Fesselballons.

Nächster „Point of Interest“ am Ostufer ist die Tournaig Farm (3). Die Farmgebäude selbst haben eine militärische Anmutung, ich konnte allerdings bislang nicht herausfinden, ob sie wirklich militärischen Ursprungs sind. 

Anfahrt aus Richtung Poolewe (Dashcam-Aufnahme):

Die Farmgebäude:

Die Farm war im Krieg das Hauptquartier der für die Fesselballons verantwortlichen Einheit. Diese Fesselballons dienten ab 1941 als zusätzliche Absicherung gegen Flugzeugangriffe. Zu Spitzenzeiten waren gut 50 davon in der Luft, verankert am gesamten Ufer des Lochs, auf der Isle Ewe und auch auf einzelnen Schiffen. Die meisten davon wurden allerdings von Stürmen weggeweht, so dass man sehr schnell wieder davon abkam. Es gibt Anekdoten, dass die Zivilbevölkerung die Reste der verlorengegangenen Ballons aufsammelte und daraus Taschen, Abdeckungen für Heuballen und andere Gebrauchsgegenstände herstellte.

Abseits der Farm, nah am Wasser, erkennt man einen relativ neuen Blechschuppen; im Vorgängerbau an gleicher Stelle wurden die Fesselballons aufgeblasen:

Gegenüber den Farmgebäuden gibt es einen alten, windschiefen Blechschuppen, der ebenfalls militärisch anmutet; er kann zumindest als Anhaltspunkt dafür dienen, wie der Hangar zum Aufblasen der Ballons einmal ausgesehen haben könnte: 

Zwischen der A382 und dem neuen Blechschuppen befindet sich außerdem noch der aus Ziegeln gemauerte, zur Ballonstation gehörende Wasserturm:

Spektakulärer als die Reste der Fesselballon-Einrichtungen ist allerdings die schwere Flugabwehr-Batterie, die sich links der A832 gleich hinter der Farm auf der linken Seite befindet.

Der heutige Besitzer möchte augenscheinlich nicht, dass die Anlage betreten wird; die umgebende Steinmauer ist durch zusätzliche Pfosten mit Drahtbespannung erhöht worden. Zugang zur Batterie haben nur die Schafe, die sie als Rückzugsort und wohl als Stall nutzen.

Die Batterie besteht aus 4 betonierten Stellungen für 3,7-Zoll-Flugabwehrgeschütze und einem Feuerleitstand. Ein Zielradar (GL [= Gun Laying] Radar Mk. II) war angeblich auch installiert, aber mangels detaillierterer Unterlagen konnte ich dafür vor Ort keine Hinweise finden, ebenso wenig wie für die ehemaligen Unterkunftsbaracken.

Hier ein Foto eines fest montierten 3.7-inch QF AA Geschützes:

(lizensiertes Foto von Jim Linwood)

An dieser Stelle noch in Hinweis: Mein eigentliches Themengebiet ist die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Militärtechnik des 2. Weltkriegs (Bewaffnung, Befestigungen, sonstige Technik) ist nicht meine Expertise. Aus diesem Grund werden sich die ersten 3 Teile des Beitrags über Loch Ewe nur sehr oberflächlich mit den vor Ort sichtbaren Relikten befassen; es wird keine Pläne oder detaillierte Erklärungen geben. Der geneigte Leser möge diese 3 Teile eher als einen Reisebericht sehen, der durchaus zur Nachahmung anregen soll. Erst Teil 4 wird sich wieder mit dem 1. Weltkrieg befassen, da gibt es dann auch wieder militärtechnische Details.

Hier ein paar Impressionen der Flugabwehrbatterie. 

Anfahrt aus Richtung Poolewe (Dashcam-Aufnahme); im Hintergrund der Wasserturm, im Vordergrund links hinter der Steinmauer (leider schlecht erkennbar) die Batterie:

Anfahrt aus der Gegenrichtung, also von Aultbea (Dashcam-Aufnahme):

Blick von Norden auf die Batterie:

Eine der Geschützpositionen:

Dieses Bild hängt im Russian Arctic Convoy Museum in Aultbea. Es zeigt eine der schweren Flugabwehrbatterien von Loch Ewe, die prinzipiell alle sehr ähnlich aufgebaut sind:

Interessanterweise handelt es sich bei dem Flugabwehrgeschütz im Vordergrund um eine mobile, d.h. nicht fest installierte Version. Welche von beiden Versionen in der Tournaig Batterie im Einsatz war, ist unklar.

Weiter entlang am Ostufer von Loch Ewe.

Irgendwo hinter Tournaig Farm gibt es rechterhand eine leichte Flugabwehrstellung, die ich von der Straße aus nicht eindeutig ausfindig machen konnte. Auch im Luftbild konnte ich keine Struktur eindeutig einer Flugabwehrstellung zuordnen.

Links der Straße kommt irgendwann ein rechteckiges gemauertes Gebilde; das dürfte einer ehemaligen Convoy Anchorage Signal Station (CASS) zuzuordnen sein (4). Wen das näher interessiert: Auf der Flickr-Seite von J.M. Briscoe gibt es eine ganze Reihe Fotos davon. Ich habe lediglich im Vorbeifahren ein paar Dashcam-Aufnahmen gemacht.

Aus Richtung Poolewe:

Aus der Gegenrichtung, d.h. von Aultbea kommend:

Nächster interessanter Punkt ist das Fotomotiv des Teasers. Es gibt dort einen Parkplatz, den man schon alleine wegen der grandiosen Aussicht ansteuern sollte: Man überblickt von dieser erhöhten Position aus die Convoy-Ankerplätze von Loch Ewe, die dazwischen liegende Isle Ewe und den Ort Aultbea. Es gab drei Ankerplätze: Westlich von Isle Ewe ankerten die Handelsschiffe, zwischen Isle Ewe und Aultbea die Kriegsschiffe und in der Tournaig-Bucht Munitionsschiffe, die man verständlicherweise von den anderen Schiffen separieren wollte.

Im Hintergrund links liegt Isle Ewe. Die Landzunge ungefähr in der Bildmitte ist Mellon Charles, der Ort um die Bucht am rechten Bildrand ist Aultbea. Das rechteckige Konstrukt auf dem Wasser im Vordergrund ist ein "NATO refuelling jetty", dient also zum Auftanken von Schiffen der Nato, die im Loch Ewe auch regelmäßig Manöver abhält.

Weiter nach Aultbea (6). Biegt man von der Landstraße in den Ort ab, passiert man das Aultbea Hotel, das heute außer Betrieb ist:

Folgt man der Straße weiter, erreicht man einen merkwürdigen Bau, ein rechteckiges Gebäude mit einer angehängten überdimensionierten Nissen Hut. Im Krieg war das das Truppenkino; heute steht es leer, ist offenbar in Restaurierung und soll angeblich als Gemeindezentrum dienen:

Die meisten anderen Einrichtungen des 2. Weltkriegs konzentrierten sich auf die Landzunge, die im auch noch heute genutzten Pier ausläuft. Hier gab es Lagergebäude, Büros, Unterkünfte, Verladeeinrichtungen etc.: wir haben das aber nicht näher in Augenschein genommen:

Ein Stück hinter dem ehemaligen Truppenkino stößt man auf eine schwere Flugabwehrstellung. Heute ist nur noch eine der ehemals 4 Geschützstellungen übrig, der Rest wurde eingeebnet.

Hinweis in diesem Zusammenhang: Am Ende von Teil 3 werde ich die GPS-Daten der wichtigsten Objekte auflisten, deshalb gibt es hier im Text keine weiteren Positionsangaben.



Folgt man der Straße weiter, kommt man nach ca. 3km nach Mellon Charles (7).

Hier begann die dreiteilige U-Boot-Sicherung. 

Ein Anti-U-Boot-Netz verlief von hier aus über die kleine Insel Sgeir an Araig bis zur Westküste des Lochs, ein weiteres schräg davor bis zur Landzunge Sròn nan Oban am Westufer. 

Nächstes Element der Verteidigungsstruktur gegen U-Boote war ein Gürtel von fernzündbaren Minen zwischen Leacan Donna nordwestlich von Mellon Charles und der Spitze des Wertufers. Dazu kursiert eine Anekdote: Als der Minengürtel nach dem Krieg gesprengt wurde, setzte im Anschluss ein Wettrennen der lokalen Fischer ein, um die an der Wasseroberfläche treibenden toten Fische einzusammeln!

Wieder ein wenig vorgelagert, von Slaggan Bay im Osten bis zur kleinen Insel Eilean Furadh Mor im Westen, verlief eine Indikatorschleife als Frühwarnsystem. Das Prinzip dieser Schleife bestand auf der Induktion eines Stromflusses, sobald sich ein Magnet (in diesem Fall das Magnetfeld eines U-Boots) über die stationäre Schleife bewegte. Diese Technologie wurde von der Royal Navy schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt und erstmalig gegen Ende des 1. Weltkriegs eingesetzt.

Mellon Charles beherbergte ein großes „Boom Depot“, in dem Anti-U-Boot-Netze samt Zubehör (z.B. Verankerungen, Schwimmkörper, Kabel) gelagert wurden. Das Areal ist riesig und kann weitestgehend begangen werden. Die meisten Gebäude sind verschwunden; ihre Fundamente kann man beispielsweise gut auf diesem Foto der Canmore-Seite (Online Katalog der archäologischen Stätten, Gebäude sowie des industriellen und maritimen Erbes von Schottland) erkennen. 

Ansonsten gibt es noch die Reste eines Piers, eine Aufschleppe und eine Ansammlung von Betonverankerungen des Netzes zu sehen. In der Nähe findet man außerdem einige Nissen Huts.

Blick auf das Depotgelände von Nordosten:

Auf dem Depotgelände:

Aufschleppe ("Slipway"):

Reste des Piers:

Betonanker für das Anti-U-Boot-Netz:

Eine renovierte Nissen Hut. Hier ein Link zu einem Foto, das diese Nissen Hut vor einigen Jahren zeigt. Von der Originalsubstanz dürfte heute außer dem Fundament nicht mehr viel übrig sein:

Eine weitere Nissen Hut:

Checkpoint nördlich von Mellon Charles:

Unser Hauptziel in Mellon Charles war allerdings die schwere Flugabwehrbatterie auf der Halbinsel Rubh' a' Choin (8). Sie folgt in ihrem Aufbau dem bekannten Muster, 4 betonierte Geschützstellungen mit einer Feuerleitstation, jedoch ohne Feuerleitradar. Laut Literatur soll es sich um eine 3.7-inch Flugabwehrbatterie gehandelt haben, die Befunde in den Stellungen lassen aber auf eine uneinheitliche Bewaffnung schließen.

Im Gegensatz zu Aultbea ist die Rubh' a' Choin Batterie noch komplett erhalten, und im Gegensatz zur Batterie Tournaig Farm kann sie auch (noch) betreten werden:

Das „noch“ in Klammern bezieht sich auf den Umstand, dass die Bebauung immer näher an die Batterie rückt. Dieser Bebauung sind bereits die Betonfundamente der militärischen Unterkünfte zum Opfer gefallen, und ich fürchte, der Zugang zur Batterie wird irgendwann nicht mehr möglich sein, sofern sie nicht sowieso verschwindet.

Aufeinandergestapelte Reste eines Wk2-Betonfundaments, im Hintergrund ein Neubau:


Ein paar Eindrücke des Feuerleitstands:






Die nördliche Geschützstellung:

Die Geschützstellungen bieten einige Besonderheiten. Das fängt mit den noch vorhandenen Beschriftungen im Inneren einiger Nischen an, auf die ich im späteren Verlauf noch eingehe.

Die zweite Besonderheit ist eine ummauerte Aufschüttung in der nördlichen Geschützstellung. Fotos von J.M. Briscoe aus dem Jahr 2013 weisen darauf hin, dass auch andere Stellungen als nur die nördliche diese Modifikation hatten, die aber heute kaum noch erkennbar sind.

Es gibt Vermutungen, dass die Stellungen damit für eine andere Bewaffnung modifiziert werden sollten, aber dazu konnte ich nichts Konkreteres in Erfahrung bringen oder vor Ort entdecken. Möglicherweise wollte man auf diesen Rampen mobile Geschütze statt der in Bettungen fixierten einsetzen. Angeblich wurde die Batterie 1943 entwaffnet; auf Luftbildern aus dem Jahr 1946 sind aber laut CANMORE noch Tarnnetze und nicht näher erkennbare Bewaffnung erkennbar.

Nahaufnahme der ummauerten Aufschüttung:

Detailaufnahme des Mauerwerks:

Merkwürdigerweise gibt es auch in den Nischen Reste von Mauerwerk:

Eine der eingangs erwähnten Beschriftungen; es geht um diverse Ölsorten:

Ein Untertretraum für die Mannschaften:

Nordwestliche Geschützstellung:

Geschützbettung. Hier müsste ein 3.7-inch QF (Quick Fire) AA (Anti Aircraft) Geschütz positioniert gewesen sein. Der Durchmesser des Schraubbuchsenrings beträgt ungefähr 2,15 Meter, die beiden großen Buchsen sind 275° W ausgerichtet:


Westliche Geschützbettung:

In einer der beiden großen Schraubbuchsen ist noch eine Verankerungsöse eingeschraubt. Die Bettung ist mit einem Durchmesser von ca. 1,50 - 1,75 Metern deutlich kleiner als in der nordwestlichen Stellung, muss also für ein anderes Geschütz vorgesehen gewesen sein. Die beiden großen Schraubbuchsen sind 240° WSW ausgerichtet.


Ein Ziegel einer Abdeckung einer Elektroleitung, den ich noch nicht datieren konnte (das Ziegelwerk H.J. Baldwin in Nottingham war von 1936 bis in die 90er Jahre in Betrieb). Ich denke nicht, dass der Stein mit der Batterie assoziiert werden kann. In den Geschützstellungen ist so viel Müll abgelagert, dass er höchstwahrscheinlich Bauschutt eines Gebäudes in der Nähe ist:

Südwestliche Geschützstellung:

Die Bettung hat den gleichen Durchmesser wie die in der westlichen Stellung. Die beiden großen Schraubbuchsen sind 206° SSW ausgerichtet:


In dieser Nische konnten Helme und vermutlich Gasmasken aufgehängt werden (die Schrift ist im Lauf der Zeit leider unleserlich geworden):

Das folgende Foto zeigt die südwestliche Stellung von der Seeseite. Warum man die Stellung aus Beton gebaut, den Untergrund aber nur mit einer Steinmauer und nicht ebenfalls mit Beton abgesichert hat, erschließt sich mir nicht:

Von der Batterie führt eine schmale Brücke hinüber zur Insel Eilean Rubh' a' Choin:

Ob die beiden bunkerähnlichen Gebäude militärischen Ursprungs sind, ist unklar:

Auf der Anhöhe neben den Gebäuden befindet sich eine Betonplattform, die entfernt an eine leichte Flugabwehrstellung ("Threepenny Bit") erinnert, aber dafür viel zu klein ist. Eine 40mm Bofors-Kanone hätte hier definitiv keinen Platz gehabt, allenfalls ein Maschinengewehr, was aber angesichts der benachbarten schweren Flugabwehrbatterie unlogisch wäre. Ich persönlich vermute hier eher einen Flaggenmast oder eine Signalvorrichtung:

Im 4. Teil dieses Reiseberichts komme ich nochmal auf die Rubh' a' Choin Batterie und Eilean Rubh' a' Choin zurück – ihre Geschichte reicht nämlich bis in den ersten Weltkrieg zurück, doch dazu wiegesagt später mehr.

Prinzipiell hätten wir auch noch die Reste der Einrichtungen in Leacan Donna (9) ansehen können (hier gab es eine CASS, mindestens eine leichte Flugabwehrstellung, außerdem wurden von hier aus die oben erwähnten Minen ferngezündet); das haben wir zwar nicht gemacht, es steht aber auf unserer Bucket List für den nächstjährigen Besuch.

Hier endet der zweite Teil; der dritte wird sich mit dem Westufer von Loch Ewe befassen.

Link-Übersicht zu allen Berichten über Loch Ewe:

Teaser

Teil 1 

Teil 2

Teil 3

Teil 4 (Stand 02.07.22: noch nicht veröffentlicht)