Dienstag, 2. Juni 2026

Die Ballast Hill Gun in North Shields

Bei meinen Recherchen zu den Verteidigungseinrichtungen rund um den Tyne in Northumberland stieß ich auf ein zunächst merkwürdiges Geschütz aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Ballast Hill Gun.

Der Ballast Hill lag unmittelbar nördlich der Royal Quays Marina in North Shields, also ungefähr 1,6km südwestlich von Cliffords Fort. Warum sollte man so weit flussaufwärts ein einzelnes Geschütz positionieren?

Zuerst galt es zu klären, was es mit dem ungewöhnlichen Namen „Ballast Hill“ auf sich hat, der sich heute noch im Straßennamen „Ballast Hill Road“ wiederfindet.

Dazu muss man wissen, dass der Tyne im 19. Jahrhundert ein äußerst geschäftiger Fluss war. Am Tyne wurden Schiffe und Waffen gebaut, und von dort aus wurde die Kohle des Durham and Northumberland Coalfields („Great Northern Coalfield“) verschifft. Es herrschte also reger Schiffsverkehr.

Die Kohleschiffe kamen leer in den Tyne gefahren, um dort beladen zu werden. Um die Stabilität eines leeren Schiffs auf See zu gewährleisten und ein Kentern zu verhindern, war es nötig, den Schwerpunkt tiefer zu legen. Man bewerkstelligte das durch sogenannten Ballast; der Begriff stammt aus dem späten 15 Jahrhundert.

Als Ballast genutzte Materialien waren zum Beispiel Sand, Kies, Steine, Kalk, Abrisstrümmer, aber auch Industrieabfälle wie Ziegel, Schlacke oder Dachschindeln. Diese Materialien wurden tief unten in den Schiffsbauch geladen.

Wollte man das Schiff dann beladen, musste natürlich erst der Ballast entladen werden. So entstanden große Halden, beispielsweise der Ballast Hill von North Shields.

Die erste namentliche Erwähnung von Ballast Hill habe ich in einer Karte von 1865 gefunden:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die 1850 gegründete Tyne Improvement Commission (TIC) mit dem Ausbau der Hafenanlagen, wobei die Ballasthalden oft im Weg waren. Der Ballast Hill in North Shields wurde von der TIC abgetragen, um Platz für neue Eisenbahnanlagen und die Whitehill Point Staiths (Verladestationen für Kohle) zu schaffen. Das abgetragene Material wurde nicht einfach entsorgt, sondern von der TIC häufig zur Landgewinnung genutzt, um neue Kaianlagen und Industrieflächen direkt am Flussufer aufzuschütten.

Im Bodenrelief lässt sich der ehemalige Ballast Hill noch gut erkennen, auch wenn er zu einem beträchtlichen Teil abgetragen wurde:

Heute ist das Gelände dicht bebaut.

Um eine Defensiveinrichtung hat es sich beim Ballast Hill also nicht gehandelt. Was hat es aber dann mit der Kanone auf sich?

Auch die Antwort auf diese Frage liefert die Schiffahrt.

Wir sind es heute gewohnt, unsere Position dank GPS recht einfach und jederzeit bestimmen zu können; jedes Smartphone kann das. In früherer Zeit war die Positionsbestimmung erheblich aufwändiger.

Den Breitengrad bestimmte man ab dem 18. Jahrhundert mit einem Sextanten. Man maß den Winkel (die Höhe) der Sonne am Mittag oder des Polarsterns bei Nacht über dem Horizont und konnte den Breitengrad mit Hilfe nautischer Tabellen ablesen.

Beim Längengrad war die Sache schwieriger. Um zu wissen, wie weit man im Osten oder Westen ist, muss man die aktuelle Ortszeit auf dem Schiff mit der Uhrzeit im Heimathafen vergleichen. Da die Erde sich dreht, entspricht jede Stunde Zeitunterschied genau 15 Längengraden. Das Problem: Normale Pendeluhren waren nicht genau genug und funktionierten auf schwankenden Schiffen bei feuchtem Salzgewölk und extremen Temperaturschwankungen nicht: Sie gingen sofort nach oder blieben stehen. Ohne eine exakte Uhr, die die Heimatzeit fehlerfrei speicherte, waren Seefahrer auf dem offenen Meer praktisch blind und verloren oft die Orientierung.

Abhilfe schafften erst ganggenaue Marinechronometer („Längenuhren“), die auch mit den widrigen Bedingungen an Bord eines Schiffs zurecht kamen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren alle britischen Schiffe mit solchen Längenuhren ausgestattet.

So genau diese Uhren waren, so hatten sie natürlich nicht die Langzeit-Ganggenauigkeit einer modernen Quartzuhr. Sie mussten also hin und wieder korrekt eingestellt werden. Die offizielle Referenzzeit wurde auf verschiedenen Wegen übermittelt: Vor der Einführung von Zeitzeichensendern Anfang des 20. Jahrhunderts bediente man sich optischer oder akustischer Methoden, die das Überprüfen und ggf. das Neustellen der Schiffschronometer ermöglichten. Die Referenzzeit wurde telegrafisch vom Royal Observatory Edinburgh übermittelt. Sogenannte Zeitbälle – erhöht angebrachte Signalbälle, die zu einer bestimmten Uhrzeit fallen gelassen wurden - gaben ein optisches Signal. Akustische Signale wurden gerne in Form von Kanonenschüssen übermittelt. Jeder Edinburgh-Besucher kennt die One O'Clock Gun auf Edinburgh Castle, die auch heute noch jeden Tag punkt 13 Uhr einen Schuss abgibt:

Und genau diese Funktion hatte die Ballast Hill Gun auch. Sie war vom 18. August 1863 bis zum 31. August 1905 in Betrieb. Es gibt sogar ein Schwarzweißfoto von ihr:

Es handelt sich um eine glattläufige 24-Pfünder Vorderladerkanone, vermutlich Blomefield Pattern. Das Foto ist leider wirklich schlecht; hier zum Vergleich eine Aufnahme einer Blomefield Kanone kleineren Kalibers (Fort George):

Die Position der Ballast Hill Gun habe ich auf einer Karte von 1896 gefunden:

Überträgt man diese Position auf ein modernes Luftbild, erkannt man, dass die Stelle heute überbaut ist:

Die GPS-Koordinaten sind ca. 54.997891, -1.449343.

Auf diesem aus Richtung Osten aufgenommenen Foto verbirgt sich die Bebauung und somit die Position der Kanone hinter dichtem Baumbewuchs:

Neues zur Delaware Hall

Vor zwei Wochen hatte ich Gelegenheit, mir die Delaware Hall in Kyle of Lochalsh vor Ort anzusehen. Wem sie gehört, konnte ich bis dato nicht in Erfahrung bringen. Sollte sich der Eigentümer an den von mir veröffentlichten Fotos stören, möge er sich bitte mit mir in Verbindung setzen; ich werde sie dann selbstverständlich wieder entfernen.

Zunächst ein paar Außenaufnahmen. Hier die Ostseite:

Die Nordseite = Straßenfront:


Die Nordwestecke:

Die Südwestecke:

Die Südseite ist größtenteils durch einen blauen Container und einen Haufen alter Autoreifen verdeckt.

Natürlich habe ich auch versucht, die Schwarzweißfotos der Marinebasis nachzustellen:

Das erwies sich als fast unmöglich, weil die damals freie Sicht auf das Haus an der Railway Terrace heute durch ein Tankstellengebäude versperrt ist:

Lediglich das Foto mit dem Flaggenmast konnte ich einigermaßen rekonstruieren, wenngleich ich den erhöhten Standort, den der Fotograf damals hatte (wohl ein Podest o.ä.) nicht einnehmen konnte:

Im Vergleich sieht das so aus:

Ohne Tankstellengebäude hätte ich vermutlich mit nur leicht verändertem Standort auch das zweite Foto nachstellen können. So musste ich mich mit einem Foto aus dem Tankstellen-Kassenraum heraus und einem von der Zapfsäulengasse aus begnügen, beide viel zu weit weg vom damaligen Standort des Fotografen:

Immer noch unbeantwortet ist die Frage, ob es sich bei der Delaware Hall um das umgebaute Originalgebäude der Amerikanischen Marinebasis aus dem 1. Weltkrieg oder um einen Neubau aus dem 2. Weltkrieg handelt.

Ich hatte gehofft, dass mir ein Blick ins Innere Aufschlüsse geben könnte, aber das tat er nicht:

(Die Aufnahme konnte ich durch ein großes Loch in der Tür der Westseite machen)

Größe und Form der Fenster auf der Südseite (rechts im Foto) könnten mit denen auf dem MacPherson-Foto übereinstimmen, allerdings stimmt die Position der Doppelfenster nicht, und ein Einzelfenster fehlt (roter Pfeil):

Die Fenster auf der Straßenseite sehen völlig anders aus.

Auf weitere Unterschiede hatte ich im ersten Artikel über die Delaware Hall hingewiesen.

Größe und Form der Hütte scheinen dem MacPherson-Foto zu entsprechen. Man könnte geneigt sein zu vermuten, dass die ursprüngliche Hütte im 2. Weltkrieg unter Beibehaltung des Grundgerüsts mit einer neuen Fassade versehen wurde, in der noch verwertbares Material wiederverwendet wurde. So könnten z.B. die Fenster der Südseite erneut eingebaut worden sein, und eins der Einzelfenster könnte in die Westseite versetzt worden sein. Das ist allerdings reine Spekulation, solange keine klärenden zeitgenössischen Dokumente auftauchen.

Sonntag, 31. Mai 2026

Ein Besuch der Kitchener Battery

Vor ein paar Tagen ergab sich kurzfristig die Möglichkeit, den ehemaligen Standort der Kitchener Battery bei Marsden in Northumberland in Augenschein zu nehmen. Große Erwartungen hatte ich nicht; in einem Artikel des Journals „Fort“ (Vol. 12) der Britischen Fortress Study Group schrieb R. Hogg 1984:

Nach dem Krieg verfiel das Gelände zusehends, und nach und nach drang der benachbarte Steinbruch in das Gelände ein.
Da die Arbeiterinnen die Anlage so solide errichtet hatten, hatten die Steinbrucharbeiter Schwierigkeiten, die Stahlbetonkonstruktion zu entfernen, und mussten sie schließlich sprengen.
Von der einst so imposanten Anlage ist heute nur noch sehr wenig übrig. Es gibt jedoch noch ein Paar Torpfosten, die mit denen am Fort House identisch sind. Eine nahegelegene Häuserreihe in der Nähe der Whitburn Colliery trägt den Namen „Kitchener Street“.

Die Torpfosten fand ich sofort:


Rechts im Bild erkennt man den Leuchtturm Souter Lighthouse.

Das eigentliche Steinbruchgelände, auf dem sich die Batterie befand, ist von dort aus nicht einsehbar, da das Steinbruchgelände vollständig mit Stacheldraht gesichert ist. Mit einem technischen Kniff gelang mir allerdings doch ein Einblick: Ich benutzte eine 360° Action Kamera auf einem 3-Meter-Monopod, was zusammen mit meiner Körpergröße einer Betrachtungshöhe von ca. 5 Metern entsprach. 

Der Steinbruch hat die Anmutung einer südafrikanischen Goldmine – ein großes, tiefes Loch mit steilen Rändern, vielleicht nicht ganz so tief wie in Afrika. Das Bodenrelief macht das recht deutlich:

Mit Hilfe der QGIS Software habe ich verschiedene Höhenprofile des Steinbruchs ausgemessen und bin auf eine maximale Tiefe von ca. 60 Metern gekommen.

Wo in diesem Loch befand sich nun aber die Batterie?

R. Hogg liefert dazu zwei unterschiedliche Angaben. Er nennt zum einen die Grid Reference NZ 404 641, was den Koordinaten 54.969890 , -1.3704580 entspricht. Zum anderen markiert er in einer Karte den Standort relativ nah an der Lizard Lane, wo sich die Torpfosten befinden.

Ich habe beides im Luftbild markiert:

Legende

1 = Torpfosten
2 = Batterieposition laut Karte
3 = Batterieposition laut Grid Reference

Wo sich die Batterie tatsächlich befand, wird sich leider nicht mehr rekonstruieren lassen. Die Anlage reichte am tiefsten Punkt, dem Geschützbrunnen, von der Erdoberfläche aus gute 13 Meter in die Tiefe. Die Tiefe des Steinbruchs beträgt wiegesagt ein Mehrfaches dieses Werts, es ist also wirklich nichts mehr übrig von diesem riesigen Betonblock.

Mehr zu den Tyne Turrets: