Freitag, 9. Oktober 2020

Ostfriesland - ein fortifikatorischer Reisebericht

Wer mich kennt, weiß, dass ich bei meinen Urlaubsplanungen immer auch ein Auge auf das Thema Festungen habe. So war es auch unlängst, als wir unseren Aufenthalt im schönen Dornumersiel in Ostfriesland planten. Mit dem Auto von dort aus gut erreichbar ist Wilhelmshaven; als kaiserlicher Hafen und Werft wurde diese Stadt ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Festung ausgebaut, die bis in den ersten Weltkrieg hinein beständig erweitert wurde.

1918 bestand die Festung Wilhelmshaven (einschließlich der Inseln Wangerooge und Langeoog) aus folgenden Elementen:

  • 28 Artillerie- und Flugabwehrbatterien
  • 21 Infanteriewerke
  • 3 größere Forts (Rüstersiel, Schaar, Mariensiel)
  • 43 Armierungsbatterien (Erdwerke)

Wenn man in der Urlaubsvorbereitung auf solche Informationen stößt, wird man zugegebenermaßen recht euphorisch. Diese anfängliche Euphorie wich allerdings schnell einer drastischen Ernüchterung: Je mehr ich recherchierte, desto deutlicher stellte sich heraus, dass man bei der Beseitigung militärhistorischen Kulturguts in Wilhelmshaven und Umgebung noch rabiater vorgegangen war als z.B. in Ingolstadt. Von der oben beschriebenen ehemals imposanten Festung ist fast nichts übrig geblieben!

Letztlich gab es vier Objekte, die ich mir für Besuche auf die Agenda schrieb; 3 davon haben wir schlussendlich geschafft.

Zunächst aber zu einem Objekt, das ob seines Errichtungszeitpunkts im 2. Weltkrieg eigentlich außerhalb meines üblichen Fokus liegt, dem Bunker „Banter Ruine“. Auf dem Weg zu einem Restaurant kamen wir zufällig daran vorbei:


Für einen Festungsfreund ist eine solche Begrüßung natürlich erfreulich und verheißungsvoll, und so sah ich mir den Bunker genauer an. Es handelt sich um einen sogenannten Truppenmannschaftsbunker 750, fertiggestellt 1943, der als Luftschutzbunker für Marineangehörige diente. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, handelt es sich um den letzten seiner Art.

Von Nahem entpuppte sich die herzliche Begrüßung leider als Fake. Der Bunker war verschlossen, eine Innenbegehung daher nicht möglich. Da es an diesem Tag außerdem stark regnete, begnügte ich mich mit wenigen Außenaufnahmen:






Später, zurück zuhause, recherchierte ich ein wenig über den Bunker, zumal mich das große Transparent neugierig gemacht hatte. Auch dieser Bunker wird in seiner aktuellen Form wohl leider nicht mehr lange Bestand haben; die Deckenverstärkung wurde offenbar bereits abgetragen, der Rest soll „umgebaut“ werden. Wen es interessiert, der kann sich über den jeweils aktuellen Stand auf der Seite "Erhalt der Bunker Banter Kaserne" informieren. Näheres zum Bunker selbst ist mit vielen Fotos auf der Seite "Luftschutzbunker Wilhelmshaven" beschrieben.

Nun aber zu den eigentlichen Objekten meiner Begierde.

Gleich das erste entpuppte sich leider als totaler Flopp: Das Infanteriewerk Hooksiel. Im Luftbild bei Google Maps ist es schön zu erkennen, und ungeachtet der Erkenntnis, das auf dem Werksgelände ein modernes Gebäude (Tourist-Information) steht, hatte ich die Hoffnung, doch noch Reste des ehemaligen Werks zu finden. Weit gefehlt! Jegliche ehemalige Werks-Infrastruktur ist abgetragen bzw. überbaut, lediglich der nasse Graben hat überlebt:




Abschließend noch ein Bild der Tourist-Information; eine Festungskasematte wäre schöner gewesen …

Nächstes Ziel: Fort Mariensiel. In der Vorbereitung konnte ich in Erfahrung bringen, dass es dort noch einiges zu sehen gibt, was die Sprengungen überstanden hat, namentlich die Kehlkaserne. Aber wie es nun mal so ist in Deutschland: Alles, was schön oder interessant ist, ist verboten. Entsprechend ist Fort Mariensiel verschlossen und mit Verbotsschildern gespickt; leider traf ich vor Ort auch niemanden, den ich um die Erlaubnis hätte bitten können, mir beispielsweise die Kehlkaserne von innen anzusehen. Nachfolgend ein paar Impressionen der Kehlkaserne von außen (mit einem herrlichen architektonischen Detail), des Zufahrts-Gitters und eines Betonbunkers vor der Kehlkaserne:






Das dritte Objekt war das Infanteriewerk Ellenserdamm. Es liegt nordwestlich von Varel; dass die Zufahrt mit einer Schranke verschlossen ist, konnte ich bereits in der Vorbereitung herausfinden. Das Werk ist nie gesprengt worden und war angeblich bis in die 70er Jahre bewohnt, das ließ hoffen. Hier nun ein paar Impressionen vor Ort:

 Der Weg zum Werk:

Gebäudefundament vor dem Werk:


Das Unterkunftsgebäude:





Ein Untertretraum?

Bemerkenswerterweise waren beide Bunkergebäude mit Türen modernerer Bauart verschlossen. Auf dem Gelände fand sich einiges an neuzeitlichen „Zivilisationsspuren“, insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass schon länger niemand mehr hier gewesen war. Ich versuchte, mich lautstark bemerkbar zu machen, leider ohne Erfolg - wirklich niemand da. Die in Mariensiel inflationär verwendeten „Betreten verboten“ Schilder fehlten hier völlig, dennoch hatte ich das vage Gefühl, mich auf Privatgrund zu befinden, und zog nach ein paar Schnappschüssen von außen wieder ab.

Objekt Nummer 4 wäre die Wiesenbatterie Schillig gewesen, von der ich vorab in Erfahrung gebracht hatte, dass sie gesprengt wurde und heute Naturschutzgebiet ist. Mein Frusttoleranzlevel war durch die Erfahrung der zuvor beschriebenen Objekte so weit gesunken, dass ich beschloss, auf eine Begehung zu verzichten.

Zum Schluss noch zwei Aufnahmen, die ich bei einem Besuch in Bremerhaven vom Weserufer aus machen konnte. Sie zeigen die Festungsinseln Langlütjen 1 und 2 in der Wesermündung. Langlütjen 1 ist gesprengt, als Naturschutzgebiet ausgewiesen und darf nicht betreten werden. Langlütjen 2 kann nur im Rahmen von Wattwanderungen besichtigt werden, was mir generell leider nicht möglich ist - aber das ist eine andere (Frust-)Geschichte …


Fazit: Ostfriesland ist sicher eine Reise wert. Wer dabei allerdings Festungen im Sinn hat, der wird bitter enttäuscht werden.

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