Donnerstag, 19. Dezember 2019

Das Werk Nr. 125 des Festungsgürtels Ingolstadt (Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt)

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Pläne, die Festung Ingolstadt durch vorgelagerte Werke zu schützen; es wurden aber zunächst nur zwei davon realisiert.

Erst 1866 führte der Deutsche Einigungskrieg dazu, dass ein Gürtel aus Vorwerken mit einem Durchmesser von durchschnittlich 5 km um die Stadt herum errichtet wurde. Diese Vorwerke waren von sehr einfacher Natur; sie bestanden aus Erdwällen mit hölzernen Schutzräumen. Auch die drei später permanent befestigten Außenforts waren zunächst nur als Erdwerke ausgeführt.

Der Vorwerkegürtel mit insgesamt 23 Werken wurde 1867 fertiggestellt. Der Ausbau der drei genannten Außenforts (Haslang, Max Emanuel, Wrede) zu permanenten Anlagen fand zwischen 1868 und 1872 statt; die restlichen Erdwerke wurden nie modernisiert, obwohl sie bis zum zweiten Weltkrieg in militärischem Besitz blieben.

Beschäftigt man sich heute mit dem Vorwerkegürtel, stellt man schnell fest, dass kaum eine der Anlagen die 150 Jahre seit ihrer Errichtung überlebt hat. Hier ein kurzes Resümee:


Nur 2 Werke sind einigermaßen gut erhalten, 6 nur noch teilweise und von den restlichen 15 ist nichts mehr zu sehen. Etliche der überwiegend oder teilweise erhaltenen Werke sind in Privatbesitz und können nicht besichtigt werden.

Das ist eine extrem traurige Bilanz, vor allem wenn man weiß, dass auch das Schicksal der noch vorhanden Überreste trotz ihres Status als Bodendenkmal höchst ungewiss ist. So wurde erst vor kurzem die Lagerschanze 7 / Werk Nr. 139 ungeachtet der Intervention der Stadt Ingolstadt eingeebnet, um Parkplätze für ein Autohaus zu schaffen; Näheres dazu findet sich in diesem Artikel im Donaukurier.

Glücklicherweise hatte ich vor ein paar Tagen Gelegenheit, mal wieder ein paar Stunden in Ingolstadt verbringen zu können; dafür hatte ich mir den Besuch des Vorwerkegürtels auf die Agenda geschrieben, solange es dort noch etwas zu sehen gibt.

Analog meines Besuchs in Germersheim nutzte ich auch diesmal Reliefkarten zur Ermittlung lohnenswerter Ziele. Der Bayern-Atlas / Geoportal Bayern stellt ein entsprechendes Tool zur Verfügung; im Gegensatz zum Geoportal Baden-Württemberg ist es allerdings untersagt, Reliefkartenausschnitte als Bild zu veröffentlichen – man darf sie nur als iFrame einbetten (ein triftiger Grund dafür erschließt sich mir ehrlichgesagt nicht).

Von den teilweise erhaltenen Ingolstädter Vorwerken weckte vor allem das sogenannte Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt mein Interesse; der Reliefkartenausschnitt zeigt warum:


Diese Anlage, auch „Nebenwerk C“ genannt, liegt westlich der Beilngrieser Straße auf der Höhe von Unterhaunstadt in einem kleinen Wäldchen. Sie war für 250 Mann Besatzung und 3 Geschütze vorgesehen. Ursprünglich verfügte sie über ein Kreuzblockhaus, das heute nicht mehr existiert und über dessen Beschaffenheit bzw. Ausführung ich keine Informationen finden konnte – doch dazu später mehr.

Der nachfolgende Plan zeigt den ungefähren ursprünglichen Zustand des Werks. Er ist sicher in vielen Punkten ungenau, hilft aber bei der Orientierung; ich hoffe, eines Tages auf einen besseren und detaillierteren Plan zu stoßen.


Bemerkenswerterweise ist die Umwallung mit allen Geschützbänken und Rampen noch fast vollständig vorhanden. Lediglich die beiden südlichen Wallabschnitte links und rechts des ehemaligen Kreuzblockhauses sind der Länge nach zu ca. einem Drittel abgetragen, was man vom Werksinneren aus aber nicht bemerkt.

Leider macht es der dichte Baumbewuchs selbst im Winter unmöglich, den Gesamteindruck der Anlage fotografisch einigermaßen angemessen darzustellen. Erschwerend kommt dazu, dass die Laubschicht viele Befunde, die man vor Ort problemlos machen kann, auf Fotos maskiert. Ich habe ungefähr 200 Aufnahmen in den verschiedensten Kameraeinstellungen gemacht, aber kaum eine ist wirklich ausdrucksvoll geworden. Im Folgenden finden Sie daher jeweils 2 Versionen des gleichen Motivs: Einmal die Aufnahme im Originalzustand, danach in einer bearbeiteten Version, in der die relevanten Strukturen durch blaue Linien hervorgehoben sind.

Die erste Aufnahme zeigt die nördliche und die nordwestliche Geschützrampe; sie wurde vom nordöstlichen Wallabschnitt aus gemacht:



Als nächstes die nordwestliche Geschützplattform mit Rampe:




Und schließlich die Infanterielinie des westlichen Wallabschnitts in Richtung Süden. Auch hier gibt es eine kleine Rampe, die offenbar als Aufstieg für die Soldaten diente. In natura sieht man sie deutlich; auf den Fotos ist sie leider kaum zu erkennen:




Als ganz besonders spannend entpuppte sich die Suche nach Resten des ehemaligen Kreuzblockhauses. Im Relief (siehe oben) erkennt man deutlich eine rechteckige Struktur, die ziemlich sicher vom Nordflügel des Kreuzblockhauses stammt (siehe Plan). Diese Struktur findet man problemlos auch vor Ort; es handelt sich um einen U-förmigen Graben von ca. 30 – 40 cm Tiefe.
Nachfolgend zuerst die nordöstliche Grabenecke (Blick nach Süden):



Und hier die nordwestliche Grabenecke (Blick nach Westen):



Auch wenn es sich hierbei mit ziemlicher Sicherheit um eine mit dem Kreuzblockhaus assoziierte Struktur handelt, ist der Befund alles andere als klar: Ich hätte allenfalls Fundamentreste erwartet, aber ein Graben? Könnte es sich bei dem Blockhaus etwa um ein Holzgebäude gehandelt haben?
An einigen Stellen habe ich das Laub auf der Grabeninnenseite und in dem vom Graben umschlossenen Areal entfernt und bin dabei durchweg auf Trümmer von Ziegeln und behauenen Steinen gestoßen. An anderen Stellen fanden sich auch komplette Ziegel und behauene Steine:



Das Kreuzblockhaus scheint also doch ein steinernes Gebäude gewesen zu sein. Ob es schon 1866 in Stein errichtet wurde oder nach 1868, ist allerdings unklar, ebenso, wann und warum es abgerissen wurde. Der Hinweis, es sei „spurlos verschwunden“, den man im Internet hin und wieder findet, stimmt jedenfalls zum Glück nicht – es gibt immerhin deutlich mehr Spuren als z.B. beim Vorwerk Treuberg in Germersheim.

Hier nun ein Versuch, den Werksplan mit den vor Ort gemachten Befunden zu aktualisieren. Legende: rot = nicht mehr vorhanden, blau = Bodenstrukturen (Gräben oder Erhöhungen) sichtbar



Alles in allem ist das Friedenspulvermagazin Oberhaunstadt alleine durch seinen hervorragenden Erhaltungszustand ein hochinteressantes Werk. In einer Zeit, wo nur noch wenige der Ingolstädter Vorwerke übrig sind und selbst das Schicksal dieser paar wenigen höchst unsicher ist (siehe Werk 139), hätte es ein solches Juwel verdient, hergerichtet und unterhalten statt vernachlässigt und sich selbst überlassen zu werden.



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