Samstag, 25. Juni 2022

Loch Ewe, zweiter Teil: Das Ostufer

Zu Beginn dieses Berichts eine Karte der Gegend um Loch Ewe:

(© Open Street Maps Mitwirkende)

Legende:

1 - Poolewe
2 - Halbinsel mit diversen Relikten
3 - Tournaig Farm
4 - CASS (Convoy Anchorage Signal Station)
5 - Aussichtspunkt
6 - Aultbea
7 - Mellon Charles
8 - Rubh' a' Choin
9 - Leacan Donna

Von Gairloch kommend stößt man in Poolewe (1) erstmals auf Loch Ewe. Erwähnenswert: Das Poolewe Hotel, in dem eine Einheit des Armee-Nachrichtendienstes untergebracht war, und das Pool House Hotel, im Krieg eine Offiziersunterkunft. Prinzipiell lässt sich auch die Halbinsel hinter dem Inverewe Garden (2) nach Resten von Einrichtungen aus dem Krieg erkunden, das haben wir aber nicht getan. Es gibt dort wohl Überreste eines Camps sowie Verankerungspunkte für Fesselballons.

Nächster „Point of Interest“ am Ostufer ist die Tournaig Farm (3). Die Farmgebäude selbst haben eine militärische Anmutung, ich konnte allerdings bislang nicht herausfinden, ob sie wirklich militärischen Ursprungs sind. 

Anfahrt aus Richtung Poolewe (Dashcam-Aufnahme):

Die Farmgebäude:

Die Farm war im Krieg das Hauptquartier der für die Fesselballons verantwortlichen Einheit. Diese Fesselballons dienten ab 1941 als zusätzliche Absicherung gegen Flugzeugangriffe. Zu Spitzenzeiten waren gut 50 davon in der Luft, verankert am gesamten Ufer des Lochs, auf der Isle Ewe und auch auf einzelnen Schiffen. Die meisten davon wurden allerdings von Stürmen weggeweht, so dass man sehr schnell wieder davon abkam. Es gibt Anekdoten, dass die Zivilbevölkerung die Reste der verlorengegangenen Ballons aufsammelte und daraus Taschen, Abdeckungen für Heuballen und andere Gebrauchsgegenstände herstellte.

Abseits der Farm, nah am Wasser, erkennt man einen relativ neuen Blechschuppen; im Vorgängerbau an gleicher Stelle wurden die Fesselballons aufgeblasen:

Gegenüber den Farmgebäuden gibt es einen alten, windschiefen Blechschuppen, der ebenfalls militärisch anmutet; er kann zumindest als Anhaltspunkt dafür dienen, wie der Hangar zum Aufblasen der Ballons einmal ausgesehen haben könnte: 

Zwischen der A382 und dem neuen Blechschuppen befindet sich außerdem noch der aus Ziegeln gemauerte, zur Ballonstation gehörende Wasserturm:

Spektakulärer als die Reste der Fesselballon-Einrichtungen ist allerdings die schwere Flugabwehr-Batterie, die sich links der A832 gleich hinter der Farm auf der linken Seite befindet.

Der heutige Besitzer möchte augenscheinlich nicht, dass die Anlage betreten wird; die umgebende Steinmauer ist durch zusätzliche Pfosten mit Drahtbespannung erhöht worden. Zugang zur Batterie haben nur die Schafe, die sie als Rückzugsort und wohl als Stall nutzen.

Die Batterie besteht aus 4 betonierten Stellungen für 3,7-Zoll-Flugabwehrgeschütze und einem Feuerleitstand. Ein Zielradar (GL [= Gun Laying] Radar Mk. II) war angeblich auch installiert, aber mangels detaillierterer Unterlagen konnte ich dafür vor Ort keine Hinweise finden, ebenso wenig wie für die ehemaligen Unterkunftsbaracken.

Hier ein Foto eines fest montierten 3.7-inch QF AA Geschützes:

(lizensiertes Foto von Jim Linwood)

An dieser Stelle noch in Hinweis: Mein eigentliches Themengebiet ist die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Militärtechnik des 2. Weltkriegs (Bewaffnung, Befestigungen, sonstige Technik) ist nicht meine Expertise. Aus diesem Grund werden sich die ersten 3 Teile des Beitrags über Loch Ewe nur sehr oberflächlich mit den vor Ort sichtbaren Relikten befassen; es wird keine Pläne oder detaillierte Erklärungen geben. Der geneigte Leser möge diese 3 Teile eher als einen Reisebericht sehen, der durchaus zur Nachahmung anregen soll. Erst Teil 4 wird sich wieder mit dem 1. Weltkrieg befassen, da gibt es dann auch wieder militärtechnische Details.

Hier ein paar Impressionen der Flugabwehrbatterie. 

Anfahrt aus Richtung Poolewe (Dashcam-Aufnahme); im Hintergrund der Wasserturm, im Vordergrund links hinter der Steinmauer (leider schlecht erkennbar) die Batterie:

Anfahrt aus der Gegenrichtung, also von Aultbea (Dashcam-Aufnahme):

Blick von Norden auf die Batterie:

Eine der Geschützpositionen:

Dieses Bild hängt im Russian Arctic Convoy Museum in Aultbea. Es zeigt eine der schweren Flugabwehrbatterien von Loch Ewe, die prinzipiell alle sehr ähnlich aufgebaut sind:

Interessanterweise handelt es sich bei dem Flugabwehrgeschütz im Vordergrund um eine mobile, d.h. nicht fest installierte Version. Welche von beiden Versionen in der Tournaig Batterie im Einsatz war, ist unklar.

Weiter entlang am Ostufer von Loch Ewe.

Irgendwo hinter Tournaig Farm gibt es rechterhand eine leichte Flugabwehrstellung, die ich von der Straße aus nicht eindeutig ausfindig machen konnte. Auch im Luftbild konnte ich keine Struktur eindeutig einer Flugabwehrstellung zuordnen.

Links der Straße kommt irgendwann ein rechteckiges gemauertes Gebilde; das dürfte einer ehemaligen Convoy Anchorage Signal Station (CASS) zuzuordnen sein (4). Wen das näher interessiert: Auf der Flickr-Seite von J.M. Briscoe gibt es eine ganze Reihe Fotos davon. Ich habe lediglich im Vorbeifahren ein paar Dashcam-Aufnahmen gemacht.

Aus Richtung Poolewe:

Aus der Gegenrichtung, d.h. von Aultbea kommend:

Nächster interessanter Punkt ist das Fotomotiv des Teasers. Es gibt dort einen Parkplatz, den man schon alleine wegen der grandiosen Aussicht ansteuern sollte: Man überblickt von dieser erhöhten Position aus die Convoy-Ankerplätze von Loch Ewe, die dazwischen liegende Isle Ewe und den Ort Aultbea. Es gab drei Ankerplätze: Westlich von Isle Ewe ankerten die Handelsschiffe, zwischen Isle Ewe und Aultbea die Kriegsschiffe und in der Tournaig-Bucht Munitionsschiffe, die man verständlicherweise von den anderen Schiffen separieren wollte.

Im Hintergrund links liegt Isle Ewe. Die Landzunge ungefähr in der Bildmitte ist Mellon Charles, der Ort um die Bucht am rechten Bildrand ist Aultbea. Das rechteckige Konstrukt auf dem Wasser im Vordergrund ist ein "NATO refuelling jetty", dient also zum Auftanken von Schiffen der Nato, die im Loch Ewe auch regelmäßig Manöver abhält.

Weiter nach Aultbea (6). Biegt man von der Landstraße in den Ort ab, passiert man das Aultbea Hotel, das heute außer Betrieb ist:

Folgt man der Straße weiter, erreicht man einen merkwürdigen Bau, ein rechteckiges Gebäude mit einer angehängten überdimensionierten Nissen Hut. Im Krieg war das das Truppenkino; heute steht es leer, ist offenbar in Restaurierung und soll angeblich als Gemeindezentrum dienen:

Die meisten anderen Einrichtungen des 2. Weltkriegs konzentrierten sich auf die Landzunge, die im auch noch heute genutzten Pier ausläuft. Hier gab es Lagergebäude, Büros, Unterkünfte, Verladeeinrichtungen etc.: wir haben das aber nicht näher in Augenschein genommen:

Ein Stück hinter dem ehemaligen Truppenkino stößt man auf eine schwere Flugabwehrstellung. Heute ist nur noch eine der ehemals 4 Geschützstellungen übrig, der Rest wurde eingeebnet.

Hinweis in diesem Zusammenhang: Am Ende von Teil 3 werde ich die GPS-Daten der wichtigsten Objekte auflisten, deshalb gibt es hier im Text keine weiteren Positionsangaben.



Folgt man der Straße weiter, kommt man nach ca. 3km nach Mellon Charles (7).

Hier begann die dreiteilige U-Boot-Sicherung. 

Ein Anti-U-Boot-Netz verlief von hier aus über die kleine Insel Sgeir an Araig bis zur Westküste des Lochs, ein weiteres schräg davor bis zur Landzunge Sròn nan Oban am Westufer. 

Nächstes Element der Verteidigungsstruktur gegen U-Boote war ein Gürtel von fernzündbaren Minen zwischen Leacan Donna nordwestlich von Mellon Charles und der Spitze des Wertufers. Dazu kursiert eine Anekdote: Als der Minengürtel nach dem Krieg gesprengt wurde, setzte im Anschluss ein Wettrennen der lokalen Fischer ein, um die an der Wasseroberfläche treibenden toten Fische einzusammeln!

Wieder ein wenig vorgelagert, von Slaggan Bay im Osten bis zur kleinen Insel Eilean Furadh Mor im Westen, verlief eine Indikatorschleife als Frühwarnsystem. Das Prinzip dieser Schleife bestand auf der Induktion eines Stromflusses, sobald sich ein Magnet (in diesem Fall das Magnetfeld eines U-Boots) über die stationäre Schleife bewegte. Diese Technologie wurde von der Royal Navy schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt und erstmalig gegen Ende des 1. Weltkriegs eingesetzt.

Mellon Charles beherbergte ein großes „Boom Depot“, in dem Anti-U-Boot-Netze samt Zubehör (z.B. Verankerungen, Schwimmkörper, Kabel) gelagert wurden. Das Areal ist riesig und kann weitestgehend begangen werden. Die meisten Gebäude sind verschwunden; ihre Fundamente kann man beispielsweise gut auf diesem Foto der Canmore-Seite (Online Katalog der archäologischen Stätten, Gebäude sowie des industriellen und maritimen Erbes von Schottland) erkennen. 

Ansonsten gibt es noch die Reste eines Piers, eine Aufschleppe und eine Ansammlung von Betonverankerungen des Netzes zu sehen. In der Nähe findet man außerdem einige Nissen Huts.

Blick auf das Depotgelände von Nordosten:

Auf dem Depotgelände:

Aufschleppe ("Slipway"):

Reste des Piers:

Betonanker für das Anti-U-Boot-Netz:

Eine renovierte Nissen Hut. Hier ein Link zu einem Foto, das diese Nissen Hut vor einigen Jahren zeigt. Von der Originalsubstanz dürfte heute außer dem Fundament nicht mehr viel übrig sein:

Eine weitere Nissen Hut:

Checkpoint nördlich von Mellon Charles:

Unser Hauptziel in Mellon Charles war allerdings die schwere Flugabwehrbatterie auf der Halbinsel Rubh' a' Choin (8). Sie folgt in ihrem Aufbau dem bekannten Muster, 4 betonierte Geschützstellungen mit einer Feuerleitstation, jedoch ohne Feuerleitradar. Laut Literatur soll es sich um eine 3.7-inch Flugabwehrbatterie gehandelt haben, die Befunde in den Stellungen lassen aber auf eine uneinheitliche Bewaffnung schließen.

Im Gegensatz zu Aultbea ist die Rubh' a' Choin Batterie noch komplett erhalten, und im Gegensatz zur Batterie Tournaig Farm kann sie auch (noch) betreten werden:

Das „noch“ in Klammern bezieht sich auf den Umstand, dass die Bebauung immer näher an die Batterie rückt. Dieser Bebauung sind bereits die Betonfundamente der militärischen Unterkünfte zum Opfer gefallen, und ich fürchte, der Zugang zur Batterie wird irgendwann nicht mehr möglich sein, sofern sie nicht sowieso verschwindet.

Aufeinandergestapelte Reste eines Wk2-Betonfundaments, im Hintergrund ein Neubau:


Ein paar Eindrücke des Feuerleitstands:






Die nördliche Geschützstellung:

Die Geschützstellungen bieten einige Besonderheiten. Das fängt mit den noch vorhandenen Beschriftungen im Inneren einiger Nischen an, auf die ich im späteren Verlauf noch eingehe.

Die zweite Besonderheit ist eine ummauerte Aufschüttung in der nördlichen Geschützstellung. Fotos von J.M. Briscoe aus dem Jahr 2013 weisen darauf hin, dass auch andere Stellungen als nur die nördliche diese Modifikation hatten, die aber heute kaum noch erkennbar sind.

Es gibt Vermutungen, dass die Stellungen damit für eine andere Bewaffnung modifiziert werden sollten, aber dazu konnte ich nichts Konkreteres in Erfahrung bringen oder vor Ort entdecken. Möglicherweise wollte man auf diesen Rampen mobile Geschütze statt der in Bettungen fixierten einsetzen. Angeblich wurde die Batterie 1943 entwaffnet; auf Luftbildern aus dem Jahr 1946 sind aber laut CANMORE noch Tarnnetze und nicht näher erkennbare Bewaffnung erkennbar.

Nahaufnahme der ummauerten Aufschüttung:

Detailaufnahme des Mauerwerks:

Merkwürdigerweise gibt es auch in den Nischen Reste von Mauerwerk:

Eine der eingangs erwähnten Beschriftungen; es geht um diverse Ölsorten:

Ein Untertretraum für die Mannschaften:

Nordwestliche Geschützstellung:

Geschützbettung. Hier müsste ein 3.7-inch QF (Quick Fire) AA (Anti Aircraft) Geschütz positioniert gewesen sein. Der Durchmesser des Schraubbuchsenrings beträgt ungefähr 2,15 Meter, die beiden großen Buchsen sind 275° W ausgerichtet:


Westliche Geschützbettung:

In einer der beiden großen Schraubbuchsen ist noch eine Verankerungsöse eingeschraubt. Die Bettung ist mit einem Durchmesser von ca. 1,50 - 1,75 Metern deutlich kleiner als in der nordwestlichen Stellung, muss also für ein anderes Geschütz vorgesehen gewesen sein. Die beiden großen Schraubbuchsen sind 240° WSW ausgerichtet.


Ein Ziegel einer Abdeckung einer Elektroleitung, den ich noch nicht datieren konnte (das Ziegelwerk H.J. Baldwin in Nottingham war von 1936 bis in die 90er Jahre in Betrieb). Ich denke nicht, dass der Stein mit der Batterie assoziiert werden kann. In den Geschützstellungen ist so viel Müll abgelagert, dass er höchstwahrscheinlich Bauschutt eines Gebäudes in der Nähe ist:

Südwestliche Geschützstellung:

Die Bettung hat den gleichen Durchmesser wie die in der westlichen Stellung. Die beiden großen Schraubbuchsen sind 206° SSW ausgerichtet:


In dieser Nische konnten Helme und vermutlich Gasmasken aufgehängt werden (die Schrift ist im Lauf der Zeit leider unleserlich geworden):

Das folgende Foto zeigt die südwestliche Stellung von der Seeseite. Warum man die Stellung aus Beton gebaut, den Untergrund aber nur mit einer Steinmauer und nicht ebenfalls mit Beton abgesichert hat, erschließt sich mir nicht:

Von der Batterie führt eine schmale Brücke hinüber zur Insel Eilean Rubh' a' Choin:

Ob die beiden bunkerähnlichen Gebäude militärischen Ursprungs sind, ist unklar:

Auf der Anhöhe neben den Gebäuden befindet sich eine Betonplattform, die entfernt an eine leichte Flugabwehrstellung ("Threepenny Bit") erinnert, aber dafür viel zu klein ist. Eine 40mm Bofors-Kanone hätte hier definitiv keinen Platz gehabt, allenfalls ein Maschinengewehr, was aber angesichts der benachbarten schweren Flugabwehrbatterie unlogisch wäre. Ich persönlich vermute hier eher einen Flaggenmast oder eine Signalvorrichtung:

Im 4. Teil dieses Reiseberichts komme ich nochmal auf die Rubh' a' Choin Batterie und Eilean Rubh' a' Choin zurück – ihre Geschichte reicht nämlich bis in den ersten Weltkrieg zurück, doch dazu wiegesagt später mehr.

Prinzipiell hätten wir auch noch die Reste der Einrichtungen in Leacan Donna (9) ansehen können (hier gab es eine CASS, mindestens eine leichte Flugabwehrstellung, außerdem wurden von hier aus die oben erwähnten Minen ferngezündet); das haben wir zwar nicht gemacht, es steht aber auf unserer Bucket List für den nächstjährigen Besuch.

Hier endet der zweite Teil; der dritte wird sich mit dem Westufer von Loch Ewe befassen.

Link-Übersicht zu allen Berichten über Loch Ewe:

Teaser

Teil 1 

Teil 2

Teil 3

Teil 4 (Stand 02.07.22: noch nicht veröffentlicht)

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