Mittwoch, 23. Oktober 2019

Die Brücke von Pinzano

In der Nähe des Ortes Pinzano fließt der Tagliamento durch eine schmale Passage. Seit jeher wurde diese Stelle zur Flussüberquerung genutzt, sei es durch eine Fähre oder eine Holzbrücke.

Auf der Seite von Pinzano gab es eine Mautstelle, die auch als Rastplatz für diejenigen diente, die in ungünstigen Momenten auf eine Flussüberquerung warten mussten.

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden verschiedene Vorschläge gemacht, an dieser Stelle eine stabile Brücke zu bauen, aber keiner davon wurde zunächst weiterverfolgt.
Erst am 29. September 1901 wurde in Udine ein Konsortium aus mehreren Gemeinden gegründet, das den Brückenbau organisieren sollte.
Zum Tragen kam letztlich der Plan der Firma Odorico & C. in Mailand; dieses Unternehmen bekam außerdem den Zuschlag zur Errichtung einer ca. 4,5 km langen Zufahrtsstraße mit vier kleineren Brücken.

Die Brückenbauarbeiten begannen 1903, die Einweihung der Brücke erfolgte am 16. September 1906. Ihre 3 Bögen überspannten eine Gesamtlänge von 181 Metern bei 30 Metern Höhe über dem Wasserspiegel; sie war zu ihrer Zeit die größte Stahlbetonbrücke Europas.


Es sei auch erwähnt, dass zu dieser Zeit die Brücken von Braulins und Cimano (nördlich) und die von Spilimbergo (südlich) noch nicht existierten; das Einzugsgebiet der Brücke von Pinzano umfasste also den gesamten oberen Mittelteil der heutigen Provinz Pordenone. Wie schon zu früheren Zeiten wurde auch diese Brücke mit einer Mautstation versehen.

Am 1. November 1917, nach dem Durchbruch von Caporetto, wurde der Brückenbogen in Richtung Pinzano von italienischen Truppen auf ihrem Rückzug gesprengt.

(Quelle: Österreichische Nationalbibliothek Wien)

Österreichische Pioniere stellten ihn provisorisch wieder her, und nach dem Krieg wurde der Vorkriegszustand vollständig wiederhergestellt.

Im zweiten Weltkrieg wurde die Brücke trotz eines Versuchs von Partisanen, sie zu sprengen, nicht ernsthaft beschädigt.

Nachdem die Brücke zwei Weltkriege überstanden hatte, ereilte sie ihr Schicksal jedoch während des großen Hochwassers am 4. November 1966: Der Tagliamento unterspülte einen der Brückenpfeiler, was die gesamte Brückenstruktur irreparabel schwächte, so dass sie am 22. September 1967 gesprengt werden musste. Offenbar war der betroffene Pfeiler trotz einer Aushubtiefe von 17,5 Metern nicht im Felsgrund verankert gewesen.

Die Arbeiten für eine neue Brücke begannen 1968; die Einweihung fand am 19. März 1970 statt. Im Gegensatz zur ursprünglichen Brücke konnte die neue durch den Einsatz von Spannbeton die 185 Meter zwischen beiden Ufern in nur einem Bogen ohne Zwischenpfeiler überspannen. Sie überstand das Erdbeben von 1976 und spielt auch heute noch eine wesentliche Rolle in der Verbindung nach San Daniele und Udine.

Blick von der Brücke in Richtung Norden:


Was mich veranlasst hat, mich mit der Brücke von Pinzano zu befassen, sind die teilweise kavernierten Funktionselemente, die heute noch sichtbar sind.

Felspassage vor der Brücke aus Richtung Pinzano:


Nähert man sich der Brücke von Pinzano aus, passiert man unmittelbar hinter der Felspassage die ehemalige Mautstation links in der Felswand:


Die Räume sind aus verständlichen Gründen verschlossen, es ist mir allerdings gelungen, einen Blick ins Innere zu erhaschen. Die Räume scheinen leer und relativ unspektakulär zu sein:


Bemerkenswert ist eine Gedenktafel über der Mautstation, deren Hintergrund sich mir erst nach intensiveren Recherchen erschloss:


An dieser Stelle gab es am 19. Mai 1910 einen schweren Autounfall.
Durch einen geplatzten Reifen schleuderte ein Auto mit mehreren Insassen, das auf der Fahrt von Pinzano in Richtung San Daniele war, gegen einen Felsen, wodurch die Insassen herausgeschleudert wurden. Einer davon, Bernardo Legranzi aus San Daniele, erlitt einen Schädelbasisbruch, an dem er wenige Tage später verstarb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Ihm ist die Gedenktafel gewidmet.

Doch zurück zu der Mautstation. In der Felspassage befinden sich zwei geöffnete und an den Wänden befestigte eiserne Torflügel. Es steht zu vermuten, dass sie zur Mautstation gehörten; sie können jedoch auch durchaus einen militärischen Zweck gehabt haben, wofür die Schießscharten sprechen (siehe nächstes Foto).

Von Pinzano aus kommend bemerkt man außerdem in der rechten Wand der Passage ein zweiflügliges verschlossenes Tor, dessen Zweck sich erst im Zusammenhang mit einer bemerkenswerten Installation auf der Außenseite der Felspassage erschließt:


Das Tor bildet den Zugang zu einer markanten gepanzerten Stellung, wohl für Maschinengewehre, die zur Nahverteidigung der Brücke zwischen 1909 und 1911 errichtet wurde:



Der Bedarf, die Brücke durch Nahverteidigungselemente zu schützen, bestand  nach dem 1. Weltkrieg bis in die Zeit des kalten Krieges (1950 – 1992) fort. Die beschriebene gepanzerte Stellung wurde dafür nicht mehr genutzt; stattdessen errichtete man eine kavernierte MG-Stellung auf der von Pinzano kommend linken Seite der Brücke:



Diese Stellung – „Postazione M“ genannt - ist offen zugänglich und kann besichtigt werden. An der Stelle, wo hinter der Mautstation die Brücke beginnt, führt ein kleiner Weg zwischen den Felsen zum Eingang. Auf dem folgenden Foto markiert der linke rote Pfeil die gepanzerte Stellung von 1909, der rechte den Beginn des Pfads zur Postazione M:



Bei meinem Besuch im Juni 2019 musste ich allerdings feststellen, dass man den Weg versperrt hatte: Offenbar hatte ein Steinschlag das Geländer, das den Weg auf der Seite des hinunter zum Tagliamento führenden Steilhangs absichern sollte, zerstört; ein großer Felsblock lag immer noch vor dem Kavernenzugang:



Den Weg zu begehen wäre lebensgefährlich gewesen, daher musste ich leider auf einen Besuch der Kaverne verzichten.

Die folgende Karte zeigt noch einmal die wesentlichen Funktionselemente der Brücke:


1 = Gepanzerte Stellung von 1909
2 = Mautstation von 1906
3 = Kaverneneingang zur Postazione M

Abschließend noch ein Hinweis auf eine Gedenktafel am anderen Ende der Brücke, auf der Seite von Ragogna:


Die Tafel erinnert an den Hauptmann Teodoro Moggio und seine Männer der Bologna-Brigade, Protagonisten der Nachhutschlacht am linken Flussufer Ende Oktober 1917. 
Diese Brigade verteidigte den Brückenkopf von San Pietro äußerst hartnäckig und harrte auch dann noch weiter aus, als das italienischen Oberkommando die Zerstörung aller Übergänge über den Tagliamento angeordnet hatte. Am 1. November 1917 wurde die Brücke von Pinzano gesprengt, während sich die Männer der Bologna-Brigade noch auf der linken Uferseite befanden. Von allen Seiten eingekesselt, wurden die italienischen Soldaten von den österreichisch-deutschen Truppen gefangen genommen. 
Die Nachhutschlacht erwies sich letztlich als förderlich für die italienische Reorganisation an der Monte Grappa - Piave - Front. 



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